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Wie künstliche Intelligenz bei der Signalanalyse helfen könnte
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der FH Aachen astronews.com
11. September 2026
Wie lassen sich Gravitationswellen schnell und sicher in den
Daten von Gravitationswellendetektoren erkennen? Diese Frage dürfte sich
insbesondere dann stellen, wenn das geplante Einstein-Teleskop in Betrieb geht.
In Aachen plant man nun eine Signalanalyse in Echtzeit. Helfen sollen dabei
künstliche Intelligenz und spezielle Hardware.

Das Einstein-Teleskop soll tief im
Untergrund nach Gravitationswellen lauschen.
Bild: Marco Kraan / Nikhef [Großansicht] |
"Gravitationswellen sind unsichtbar und gleichzeitig können wir damit in die
Zeit zurückblicken, in der es noch gar kein Licht im Universum gab", erklärt
Prof. Dr. Ingo Elsen. Er ist Professor am Fachbereich Elektrotechnik und
Informationstechnik der FH Aachen und leitet dort das Big Data Lab. Im
Herbst startet sein dreijähriges Forschungsprojekt, in dem er mit seinem Team
einen Baustein für das geplante Einstein-Teleskop entwickeln möchte. Künstliche
Intelligenz (KI) und Rauschkompensation lauten hierbei die
Schlüsselbegriffe.
In den kommenden Jahren soll in Europa – möglicherweise sogar in der Euregio
Maas-Rhein – das sogenannte Einstein-Teleskop gebaut werden. "Bei dem Wort
'Teleskop' denkt man natürlich erst einmal an ein Fernrohr. Das
Einstein-Teleskop funktioniert aber völlig anders", so Elsen. Im Gegensatz zu
einem gewöhnlichen Teleskop werden die Forschenden mit dem Einstein-Teleskop
nicht direkt ins All schauen, sondern sogenannte Gravitationswellen messen, die
aus dem All auf die Erde treffen.
Diese Gravitationswellen sind, vereinfacht gesagt, Erschütterungen in Raum
und Zeit. Sie entstehen beispielsweise, wenn zwei Schwarze Löcher oder zwei
Neutronensterne miteinander verschmelzen. Die Forschenden können mit der
Untersuchung der Gravitationswellen mehr über die Entstehung und Entwicklung
unseres Universums erfahren. "Das ist Science-Fiction ohne Fiction. Ich bin
total begeistert", sagt Elsen. Das Observatorium wird wie ein gleichseitiges
Dreieck aufgebaut sein und rund 300 Meter unter der Erdoberfläche liegen. "Das
Einstein-Teleskop dürfte nach dem CERN die zweitgrößte Maschine der Welt
werden", so Elsen.
Jede seiner drei Seiten wird ein zehn Kilometer langer Tunnel sein, in dem
mithilfe von Lasern und Spiegeln die Tunnellängen gemessen werden. Wenn sich die
gemessene Länge minimal in einem bestimmten Muster ändert, wissen die
Forschenden, dass die Ursache eine vorbeiziehende Gravitationswelle gewesen sein
muss. Diese Art des unterirdischen Observatoriums ist nicht neu. Es gibt bereits
vergleichbare Teleskope, aber in kleinerem Maßstab. Das Einstein-Teleskop wird
also deutlich empfindlicher sein und präzisere Daten liefern können.
Ein Problem gibt es allerdings: Unsere Welt ist ziemlich laut. Erdbeben,
fahrende Lkw oder rotierende Windräder geben Vibrationen ab, die sich mit den
Gravitationswellen-Signalen mischen, sodass diese nur mit deutlichen Störungen
aufgezeichnet werden können – auch 300 Meter unter der Erde. Diese irdischen
Störsignale werden als "Newtonsches Rauschen" bezeichnet. Elsen möchte mit
seinem Team ein KI-Modell entwickeln, durch das die Störungen in Echtzeit
herausgefiltert werden können. "Die Wirkung kann man sich vorstellen wie bei
Noise-Cancelling-Kopfhörern. Störende Hintergrundvibrationen werden live
herausgefiltert und es bleibt das übrig, was man wirklich haben möchte",
beschreibt Elsen. So könnten potenziell wichtige Signale direkt erkannt und
abgespeichert werden. Alle uninteressanten Signale müssten dann nicht erst
mühsam kontrolliert und aussortiert werden, während sie gleichzeitig große
Mengen an Speicherkapazität belegen. Die Forschenden des Einstein-Teleskops
könnten direkt mit der Auswertung der gefilterten Signale starten.
Das Newtonsche Rauschen sei jedoch nicht so vorhersehbar wie die
Umgebungsgeräusche, die ein Kopfhörer filtern muss. Das Herausrechnen des
Rauschens mittels klassischer mathematischer Signalverarbeitungsmethoden werde
deshalb für das Forschungsvorhaben nicht mehr ausreichen. Es brauche stattdessen
spezielle Hardware und moderne datenbasierte KI-Methoden, um eine
Rauschkompensation in Echtzeit zu leisten. "Klassische KI-Rechner, wie sie
momentan überall für KI-Sprachmodelle errichtet werden, sind nicht schnell
genug", so Elsen. Stattdessen sollen sogenannte Field Programmable Gate Arrays
(FPGA) den Mittelpunkt der Hardware darstellen. Dabei handelt es sich um
Computerchips, die für spezifische Aufgaben programmiert werden können. Das
Herzstück, sprich das KI-Modell zur Rauschreduktion, soll auf die FPGA
eingearbeitet werden.
"Sprachmodelle sind in den letzten Jahren besser geworden, weil sie größer
geworden sind. Wir müssen für unser Ziel nun gute, aber möglichst kompakte
Modelle entwickeln, damit eine Datenverarbeitung in Echtzeit möglich wird", sagt
Elsen. Ein solches KI-Modell könnte auch in der Industrie wichtige Innovationen
anstoßen. Es wäre laut Elsen beispielsweise denkbar, das KI-Modell auf die
Stoßdämpfer eines Autos anzuwenden: "Sofort würden alle Unebenheiten der Straße
herausgerechnet und es würde sich anfühlen, als gleite man auf einer Eisfläche
dahin." Auch in der Medizintechnik könnte eine solche Anwendung wertvoll sein.
Wenn die Vibrationen bei einer Operation am Knochen in Echtzeit reduziert werden
könnten, würde das das Bruch- und Splitterrisiko für die Patienten senken.
Für das Forschungsprojekt konnte Elsen auch einen Studierenden begeistern.
Jan Pihl beendet derzeit seinen Master in Informatik an der FH Aachen und wird
in dem Forschungsprojekt als Doktorand arbeiten. In einem Modul von Prof. Elsen
hat er sich bereits mit den Daten von Gravitationswellen beschäftigt und konnte
die Ergebnisse gemeinsam mit einem Kommilitonen beim Einsteinsymposium
vorstellen. Als weitere Kooperationspartnerinnen und -partner sind die RWTH
Aachen, das Forschungszentrum Jülich sowie die Universität Siegen an dem
Forschungsprojekt beteiligt.
Das Einstein-Teleskop befindet sich derzeit in der Planungsphase. Im
kommenden Jahr soll die Standortfrage final beantwortet werden; der Bau soll bis
2035 größtenteils abgeschlossen werden. "Ich bin wirklich stolz, dass wir bei
diesem riesigen Projekt mitwirken dürfen. Ohne all die helfenden Hände meiner
Kolleginnen und Kollegen aus Forschung und Verwaltung wären wir heute nicht da,
wo wir sind. Dafür bin ich sehr dankbar und freue mich auf die weitere Reise",
so Elsen.
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