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Altes antarktisches Eis und die Bewegung des Sonnensystems
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf astronews.com
15. Mai 2026
Unser Sonnensystem durchquert derzeit die Lokale Interstellare Wolke, eine
Region aus stark verdünntem Gas und Staub zwischen den Sternen. Dabei sammelt
die Erde ständig Eisen-60 auf, ein seltenes radioaktives Isotop des Eisens, das
bei Sternexplosionen entsteht. Dank der Analyse von zehntausenden Jahre altem antarktischem Eis
wurde dieses Szenario nun bestätigt.

Weg des Sonnensystems durch die Lokale
Interstellare Wolke. Das Profil der Wolke findet
sich als interstellarer Fingerabdruck im
antarktischen Eis wieder.
Bild: B. Schröder / HZDR / NASA /
Goddard / Adler / U. Chicago / Wesleyan [Großansicht] |
Eisen-60 entsteht im Inneren von massereichen Sternen und wird bei deren
Explosion ins All geschleudert. Geologische Archive zeigen, dass unser
Sonnensystem vor Millionen von Jahren zweimal von Eisen-60-Atomen aus Supernovae
getroffen wurde. In jüngerer Zeit gab es jedoch keine nahegelegenen
Sternexplosionen – und damit auch keinen direkten Nachschub an Eisen-60. Als
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor einigen Jahren Eisen-60 auch in
weniger als zwanzig Jahre altem Oberflächenschnee der Antarktis entdeckten (astronews.com
berichtete), stellte sich die Frage nach dessen Ursprung.
"Unsere Idee war, dass die Lokale Interstellare Wolke Eisen-60 enthält und
über längere Zeiträume bis heute speichern kann. Während das Sonnensystem die
Wolke durchquert, könnte die Erde dieses Material aufnehmen. Belegen konnten wir
das damals allerdings nicht", erklärt Dr. Dominik Koll vom Institut für
Ionenstrahlphysik und Materialforschung des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf. In den letzten Jahren analysierte
das Team um Koll und Prof. Anton Wallner weitere Proben, darunter bis zu 30.000
Jahre alte Tiefsee-Sedimente. Auch dort fanden sie Eisen-60, doch konkurrierende
Theorien blieben. Die jetzt analysierten Proben aus dem antarktischen Eis reichen 40.000
bis 80.000 Jahre zurück. Mit ihrer Analyse steht nun fest: Nur die Lokale
Interstellare Wolke kommt als Quelle in Frage. "Das bedeutet, dass die Wolken um
das Sonnensystem herum mit einer Sternexplosion zusammenhängen. Und das gibt uns
das erste Mal die Möglichkeit, dem Ursprung dieser Wolken auf den Grund zu
gehen", sagt Koll.
Unser Sonnensystem trat vor mehreren zehntausend Jahren in die
Lokale Interstellare Wolke aus Gas und Staub ein und wird sie in einigen tausend
Jahren wieder verlassen. Derzeit befinden wir uns an deren Rand. Für ihre
Untersuchungen analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Eisbohrkern aus der
Zeit rund um den vermuteten Eintritt in die Wolke. Das Alfred-Wegener-Institut
Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) stellte dafür eine Probe
aus dem Europäischen Eisbohrprojekt EPICA bereit.
Der Vergleich des
Eisen-60-Gehalts mit früheren Tiefsee- und Schneeproben zeigte: Vor 40.000 bis
80.000 Jahren erreichte weniger Eisen-60 die Erde als heute und in der noch
jüngeren Vergangenheit. "Das deutet darauf hin, dass wir uns zuvor in einem
Medium mit weniger Eisen-60 befanden oder dass die Wolke selbst starke
Dichteunterschiede aufweist", erläutert Koll. Das Eisen-60-Signal verändert sich
also innerhalb weniger Zehntausend Jahre – auf kosmischen Zeitskalen ist das
bemerkenswert schnell. Mit diesem Wissen konnten die Forschenden alternative
Erklärungen für die Quelle des Eisen-60-Eintrags ausschließen, etwa ein
Abklingen Millionen Jahre alter Sternexplosionen.
Für die Messungen brachte das Team rund 300 Kilogramm Eis vom AWI in
Bremerhaven nach Dresden und bereitete es dort chemisch auf – ein langwieriger
Prozess, bei dem am Ende nur wenige 100 Milligramm Staub übrigblieben. Schritt
für Schritt isolierten sie das Eisen-60, wobei sie bei jedem Arbeitsschritt
Verluste vermeiden mussten. Am DREsden Accelerator Mass Spectrometry
(DREAMS)-Labor des HZDR überprüften sie die Probe daher nach der chemischen
Aufbereitung auf zwei andere Radioisotope: Beryllium-10 und Aluminium-26. Bei
diesen Isotopen ist genau bekannt, in welcher Menge sie im Eis vorliegen. Würde
man Eisen-60 verlieren, würde auch deren Anteil geringer. Das konnte das Team
ausschließen.
Für die endgültige Messung nutzte das Team
die HIAF-Anlage (Heavy Ion Accelerator Facility) an der Australian National
University – derzeit die weltweit einzige Einrichtung, die winzige Mengen an
Eisen-60 nachweisen kann. Mithilfe elektrischer und magnetischer Filter
sortierten sie unerwünschte Atome in Abhängigkeit von ihrer Masse aus, bis nur
noch eine Handvoll Eisen-60-Atome von ursprünglich 10 Trillionen anderen Atomen
zum Nachweis übrigblieb. "Das ist, als würde man eine Nadel in 50.000
Fußballstadien suchen, die bis zur Decke mit Heu gefüllt sind. Die Maschine
findet die Nadel in einer Stunde", erklärt Annabel Rolofs von der Universität
Bonn.
"In langjähriger Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen und
Kolleginnen konnten wir eine extrem empfindliche Methode entwickeln, die uns nun
erlaubt, diese eindeutige Signatur Jahrmillionen zurückliegender kosmischer
Explosionen auch heute noch in geologischen Archiven nachzuweisen", fasst Prof.
Anton Wallner die neuesten Erkenntnisse zusammen. Das Team plant bereits
weitere Messungen. Ziel ist es, einen noch älteren Eisbohrkern zu analysieren,
der aus der Zeit vor dem Eintritt in die Lokale Interstellare Wolke stammt. Das
AWI ist ein zentraler Partner im Projekt Beyond EPICA-Oldest Ice, in dem
entsprechend alte Eiskerne genommen werden.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in den
Physical Review Letters erschienen ist.
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