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Standardmodell auf über zwölf Nachkommastellen genau
bestätigt
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik astronews.com
12. März 2026
Ein Forschungsteam hat einen
der bislang genauesten Tests des Standardmodells der Teilchenphysik
durchgeführt. Mithilfe hochauflösender Wasserstoffspektroskopie bestätigten sie
die theoretischen Vorhersagen bis auf über zwölf Nachkommastellen. Die Messung
lieferte zudem einen präzisen Wert für den Protonenradius und löst das seit
Jahren diskutierte "Protonenradius-Rätsel".

Der Versuchsaufbau für hochpräzise Messungen am
Wasserstoffatom.
Foto: Christian Lünig / MPQ [Großansicht] |
Die Quantenelektrodynamik (QED) bildet die Grundlage aller
Quantenfeldtheorien, auf denen das Standardmodell der Teilchenphysik aufbaut und
auf die sich unser fundamentales Naturverständnis stützt. Das Standardmodell der
Teilchenphysik beschreibt allerdings nur etwa fünf Prozent des gesamten
Energie-Materie-Inhalts des Universums – die "sichtbare Materie", z. B.
Protonen, Neutronen und Elektronen, aus denen Atome und Moleküle bestehen.
Über 95 % des Universums, bestehend aus "Dunkler Materie" und "dunkler
Energie“, bleiben nach wie vor rätselhaft und könnten mit bisher unbekannten
Naturgesetzen, Wechselwirkungen oder Teilchen verbunden sein – die sogenannte
"neue Physik": "Winzige beobachtete Abweichungen vom Erwarteten können in der
Physik zu enormen Veränderungen in unserem Weltbild führen", erklärt Theodor
Hänsch, Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ). Mit ultragenauen
Tests der QED begibt sich die Forschung daher auf die Suche nach dieser "neuen
Physik". Auch wenn dabei keine Abweichungen gefunden werden, ist der
Erkenntniswert hoch: bestimmte hypothetische Teilchen und Wechselwirkungen
lassen sich dann ausschließen.
Einem Forschungsteam am MPQ ist es nun gelungen, den bislang genauesten Test
der Quantenelektrodynamik in Atomen durchzuführen. Sie untersuchten den
sogenannten 2S-6P-Übergang im Wasserstoff und überprüften die Theorie auf über
zwölf Nachkommastellen – ein Präzisionsniveau, das nur durch das Zusammenspiel
von Experiment, Theorie und Computersimulationen möglich war. "Die besondere
Herausforderung bestand darin, trotz der sehr großen natürlichen Breite des
Übergangs die Präzision von über zwölf signifikanten Stellen zu erreichen. Das
ist so, als ob man die Distanz zum Weltraum mit einem Meterstab auf etwa die
Größe eines Grippevirus genau messen würde," erklärt der Erstautor der Studie,
Lothar Maisenbacher.
Die größte Schwierigkeit stellt die sogenannte Doppler-Verschiebung dar, ein
Phänomen, das auch im Alltag bekannt ist: Die Sirene eines Krankenwagens klingt
anders, je nachdem, ob sich das Fahrzeug nähert oder entfernt. Ähnlich variiert
für die Atome die Frequenz des Laserlichts abhängig von ihrer relativen
Geschwindigkeit zum Laserstrahl. Die Wasserstoffatome werden auf -268 °C
heruntergekühlt, bewegen sich bei dieser Temperatur aber immer noch so schnell
wie ein Verkehrsflugzeug. Würden die Atome mit dieser Geschwindigkeit direkt auf
das Laserlicht treffen, würde die Messung der Übergangsfrequenz bereits auf der
sechsten Nachkommastelle beeinflusst.
Um die störende Doppler-Verschiebung zu unterdrücken, setzen die
Wissenschaftler zwei gegenläufige Laserstrahlen ein. Ein Strahl trifft die
Atome, die auf ihn zufliegen, der andere die sich entfernenden. Beim Mittelwert
gleichen sich die Effekte der Verschiebung aus – ähnlich wie bei zwei
Krankenwagen, deren überlagernde Sirenen sich ausgleichen. Voraussetzung ist
dabei die perfekte Spiegelung der Laserstrahlen: "Die Entwicklung einer solchen
optischen Anordnung für die violette Wellenlänge des 2S-6P-Übergangs war eine
große Herausforderung, an der wir mehrere Jahre gearbeitet haben", erinnert sich
der Zweitautor der Studie, Vitaly Wirthl.
Die gegenläufigen Strahlen erzeugen aber auch eine stehende Lichtwelle, die
eine "Lichtkraft-Verschiebung" verursacht. "Hier kommt die Quantenoptik ins
Spiel: Die Atome werden in Überlagerungszustände gebracht und 'spüren'
gleichzeitig Knoten und Bäuche der Lichtwelle", erklärt Wirthl. Dieser Effekt
tritt erst auf der zwölften Nachkommastelle auf, musste aber verstanden werden,
um die nächste Zahl dahinter zu messen.
Die Messung des MPQ-Forschungsteams zeigte eine perfekte Übereinstimmung von
Experiment und Theorie. Neue Wechselwirkungen oder bisher unbekannte Teilchen
lassen sich bis auf eine sehr kleine Obergrenze ausschließen. Die Messungen
liefern zudem ultrapräzise Werte für zwei Naturkonstanten, die als Parameter in
die Theorie eingehen: den Protonenradius und die Rydberg-Konstante.
Der neue Protonenradius stimmt mit den Messungen des sogenannten myonischen
Wasserstoffs überein – Wasserstoff, in dem das Elektron durch ein Myon ersetzt
ist. Frühere Vergleiche zwischen gewöhnlichem (elektronischem) und myonischem
Wasserstoff zeigten Diskrepanzen und hatten das sogenannte
"Protonenradius-Rätsel" ausgelöst. Die neue Messung kann die Diskrepanz erstmals
signifikant – auf mehr als fünf Standardabweichungen – ausschließen.
"Mit dieser Messung können wir das Protonenradius-Puzzle hinter uns lassen
und uns auf den Test der QED und des Standardmodells konzentrieren. Die Theorien
haben auch diesen sehr präzisen Test bestanden, aber wir wissen, dass sie nicht
die ganze Wahrheit sind. Besonders spannend ist, dass wir zum ersten Mal sehr
kleine, äußerst interessante Korrekturen sehen, die aus der Interaktion mit
komplexeren Teilchen, sogenannten Hadronen, stammen," so Maisenbacher. Auch Hänsch betont die Bedeutung der Arbeit:
"Präzisionsspektroskopie am Wasserstoffatom war über mehr als fünfzig Jahre ein
spannendes Abenteuer, das Erfindungen wie das Laser-Kühlen atomarer Gase und die
Laser-Frequenzkammtechnik inspiriert hat."
Die in der Arbeit vorgestellten
Techniken lassen sich auf andere Übergänge in Wasserstoff und Deuterium
übertragen, was den Weg zu noch strengeren Tests des Standardmodells und zu
verbesserten Einschränkungen möglicher neuer Kräfte oder Teilchen ebnen wird:
"Ich finde es besonders spannend zu untersuchen, ob das Standardmodell bei
dieser Präzision im schweren Wasserstoff (Deuterium) auch stimmt. Denn der Kern
der Deuterium-Atome hat einen ungeladenen Anteil, der sich ganz anders mit
hypothetischen bisher unentdeckten Teilchen oder Wechselwirkungen verhalten
könnte", erklärt Wirthl abschließend.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in
Nature erschienen ist.
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