|
Durch Strömungsinstabilitäten zu richtigen Planeten
Redaktion
/ Pressemitteilung der Universität Basel astronews.com
18. März 2026
Wie fügt sich feiner Staub zu Bausteinen zusammen, aus denen
schließlich ganze Planeten wie unsere Erde entstehen? Ein Forschungsteam hat bei
Parabelflügen in der Schwerelosigkeit den ersten experimentellen Nachweis
erbracht, dass ein wichtiger physikalischer Prozess auch unter Bedingungen
auftritt, wie sie in Regionen herrschen, in denen Planeten entstehen.

Künstlerische Darstellung einer protoplanetaren Scheibe.
Bild: ESO / L. Calçada [Großansicht] |
Planeten entstehen in sogenannten protoplanetaren Scheiben – riesigen
Scheiben aus Gas und Staub, die um sehr junge Sterne kreisen. Auf dem Weg von
feinsten Staubkörnern bis hin zu voll ausgebildeten Planeten laufen verschiedene
physikalische Prozesse ab. Einerseits kollidieren winzige Staubpartikel und
verklumpen elektrostatisch, bis sie einige Millimeter groß sind. Andererseits
kollidieren, verschmelzen und verklumpen Planetesimale, also felsige oder eisige
Körper mit Größen von einigen hundert Metern bis zu einigen Kilometern. Diese
wachsen langsam zu felsigen oder eisigen Planeten heran, wobei die am
schnellsten wachsenden schließlich Gas ansammeln und zu Gasriesen werden.
Für Gesteinsbrocken von Zentimetergröße bis hin zu etwa hundert Metern stoßen
die meisten Planetenbildungsszenarien auf eine Art "Barriere": Ein weiteres
Wachstum wird verhindert, denn in diesem Größenbereich neigen die Klumpen dazu,
bei Kollisionen aneinander abzuprallen, zu zerbrechen oder sogar zu verdampfen,
wenn sie zu nahe an ihren Stern herandriften. Diese Barriere gibt der
Wissenschaft seit Jahrzehnten Rätsel auf. Seit der Jahrtausendwende haben
theoretische Modelle einen zusätzlichen Mechanismus postuliert, der diese Lücke
füllen könnte. Da sich das Gas-Staub-Gemisch in den protoplanetaren Scheiben wie
eine Flüssigkeit verhält, können sich darin verschiedene hydrodynamische
Instabilitäten entwickeln. Diese führen dazu, dass der Staub zu dichteren Wolken
verklumpt, aus denen schließlich die größten Klumpen zu Planetesimalen werden.
Jede dieser Instabilitäten tritt unter bestimmten Bedingungen und in
verschiedenen Regionen der Scheibe auf und kann diese auf unterschiedliche Weise
beeinflussen. Eine dieser Instabilitäten, von der vermutet wird, dass sie eine
wesentliche Rolle spielt, ist die Scherströmungsinstabilität. Sie entsteht an
der Grenzfläche zwischen zwei Flüssigkeiten mit unterschiedlichen Eigenschaften
– in diesem Fall unterschiedlicher Geschwindigkeit und Dichte. Ob solche
Scherströmungsinstabilitäten unter den extrem dünnen Gasbedingungen in
protoplanetaren Scheiben tatsächlich auftreten, wurde jedoch noch nie
experimentell nachgewiesen.
Unter der Leitung von Dr. Holly L. Capelo von der Abteilung für
Weltraumforschung und Planetologie am Physikalischen Institut der Universität
Bern hat ein Forschungsteam nun gezeigt, dass sich Scherströmungsinstabilitäten
bilden können – sogar in extrem dünnem Gas. Der Beweis gelang mithilfe eines
einzigartigen Experiments, das die Mikrogravitationsbedingungen bei
Parabelflügen, auch Zero-G-Flüge genannt, ausnutzt. Scherströmungsinstabilitäten
können je nach Bedingungen die Verklumpung von Staub zu Planetesimalen fördern
oder behindern. Um sie zu untersuchen begann das Team 2020 mit der Entwicklung
des TEMPus-VoLA-Experiments, in dessen Zentrum ein einzigartiges Instrument
steht. Finanziert vom NCCR PlanetS und vom Swiss Space Office wurde es an der
Universität Bern in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich und der ETH Zürich
entworfen und gebaut.
Das Instrument ist mit Hochgeschwindigkeitskameras ausgestattet, die das
Verhalten von Staubpartikeln in einem extrem dünnen Gas unter Vakuumbedingungen
verfolgen. Es wurde speziell für Parabelflüge entwickelt, die Mikrogravitation
bieten. "Auf der Erde beeinflusst die Schwerkraft das Verhalten von Staub und
Gas", erklärt Prof. Lucio Mayer von der Universität Zürich. "Nur unter
Bedingungen, die die Abwesenheit von Schwerkraft simulieren, können wir ein
extrem verdünntes Strömungsregime untersuchen, das den Gas- und Staubscheiben
ähnelt, die um junge Sterne kreisen."
Während Parabelflügen folgt ein speziell angepasstes Flugzeug einer Flugbahn,
auf der es wiederholt in einem Winkel von etwa 45 Grad aufsteigt und abtaucht.
Jede Tauchphase bietet etwa 20 Sekunden lang Schwerelosigkeit, während der
Steigflug eine stärkere Schwerkraft als auf der Erde simuliert. Während mehrerer
Flugkampagnen des UZH Space Hub und der Europäischen Weltraumorganisation hat
das Team die Bedingungen des Experiments systematisch verfeinert und variiert,
um zu testen, wann die Scherströmung ausgelöst wird. "Wir haben also die
Bedingungen nachgestellt, die in den planetenbildenden Regionen protoplanetarer
Scheiben herrschen, und konnten zeigen, dass diese theoretisch vorgeschlagene
Scherströmungsinstabilität nicht nur ein mathematisches Konstrukt ist, sondern
tatsächlich auftreten kann", erklärt Capelo.
Jedoch bieten Parabelflüge nur sehr kurze Phasen der Schwerelosigkeit.
"Sobald die Instabilität einsetzt, stellen wir fest, dass sich charakteristische
Muster in der Strömung des Materials herausbilden. Die begrenzte Dauer der
Schwerelosigkeit verhindert jedoch, dass wir verfolgen können, wie sich diese
Strukturen zu voll entwickelter Turbulenz weiterentwickeln", erklärt Capelo. Das
Team arbeitet daher an einer fortschrittlicheren Version des Experiments für den
Einsatz auf einer Raumstation wie der Internationalen Raumstation (ISS). Dort
ließe sich die Entstehung und Entwicklung der Turbulenzen über deutlich längere
Zeiträume in Schwerelosigkeit studieren – ein weiteres wichtiges Puzzleteil im
Verständnis der Planetenentstehung.
Zu den Ursprüngen des Sonnensystems Um zu verstehen, wie sich Planetensysteme
bilden, bedient sich die Forschung verschiedener Ansätze. Mit modernen
Teleskopen lassen sich protoplanetare Scheiben beobachten, die einen Stern
umkreisen, und durch den Vergleich von Scheiben unterschiedlichen Alters können
ihre Eigenschaften und ihre Entwicklung bestimmt werden. Auf der theoretischen
Seite beschreiben Computersimulationen mathematisch und physikalisch die
Scheibenentwicklung und Planetenbildung. Keine dieser Simulationen ist jedoch in
der Lage, Scheiben mit einer so hohen Auflösung zu untersuchen, dass die
kleinsten Strukturen darin sichtbar werden.
"In unserem Sonnensystem zeugen Kometen und Asteroiden von der Frühphase
unseres Systems und liefern Hinweise auf die Zusammensetzung und Struktur der
Planetesimale, aber wir können ihre frühe Entwicklung noch nicht direkt
untersuchen", sagt Dr. Antoine Pommerol von der Universität Bern. "Nur
Experimente können diese Wissenslücke schließen und die entscheidenden Details
der Staub- und Gasbewegung auf so kleinen räumlichen und zeitlichen Skalen
aufdecken, die eben nicht direkt beobachtet werden können."
Das neue Experiment liefert nicht nur eine direkte Bestätigung dafür, dass
ein seit langem theoretisiertes Phänomen unter protoplanetaren scheibenähnlichen
Bedingungen auftreten kann, es werde auch dazu beitragen, theoretische Modelle
zu verbessern und Simulationen zu verfeinern. "Dies wiederum hilft uns, das
Gesamtbild der Entstehung von Planetensystemen besser zu verstehen – und
letztlich wird es dazu beitragen zu erklären, wie unser Sonnensystem und die
Erde selbst vor Milliarden von Jahren aus einer Wolke aus Staub und Gas
entstanden sind", so Capelo.
Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift Communications
Physics veröffentlicht.
|