KOSMOLOGIE
Beweise für
den Urknall vom Südpol
von Stefan
Deiters
astronews.com
23. September 2002
Amerikanische
Forscher haben am Südpol neue Beweise für unser aktuelles Bild von der
Entstehung und Entwicklung des Weltalls gesammelt: Mit Hilfe eines
Radioteleskops entdeckten sie, dass die kosmische
Mikrowellen-Hintergrundstrahlung polarisiert ist - genau wie es die gängige
Urknalltheorie vorhersagt.
Die Messungen ermöglichen Aussagen über die Bewegungen im Frühkosmos.
Die von DASI (unten) gemessenen Temperaturschwankungen (farbkodiert)
und die Polarisation an jedem Punkt (Striche). Bild/Foto:
DASI-Collaboration / Erik Leitch
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Man könnte sich vermutlich kaum einen unwirklicheren Ort aussuchen, um ein
Radioteleskop zu betreiben, doch für das Team, das auf der
Amundsen-Scott-Südpol-Forschungsstation das Degree Angular Scale
Interferometer (DASI) aufgestellt hat, zahlte sich die Mühe aus: Auf einer
Konferenz in der letzten Woche konnten die Wissenschaftler um John Carlstrom von
der Universität von Chicago berichten, dass es ihnen nunmehr gelungen ist, die
Polarisation der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung nachzuweisen. Nach
diesem fundamentalen Beweis für die moderne kosmologische Theorie hatte man
viele Jahre gesucht. Bei der Hintergrundstrahlung handelt es sich um eine Art
Nachglühen des Urknalls.
Das meiste Licht ist unpolarisiert, das heißt die Lichtwellen schwingen alle
in unterschiedlichen Ebenen. Sobald sie aber reflektiert oder gestreut werden,
ändert sich dies. Daher lassen beispielsweise polarisierende Sonnenbrillen das
sich gleißend spiegelnde Licht auf einer Wasseroberfläche verschwinden, da sie
nur Licht durchlassen, dessen Wellen in einer Ebene schwingen. Die Polarisation
der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung rührt nach Ansicht der Forscher aus jener
Zeit her, als die Strahlung das letzte Mal mit Materie in Berührung kam - vor
etwa 14 Milliarden Jahren.
Hätten die Wissenschaftler keine Spur von Polarisation in der
Hintergrundstrahlung entdeckt, wären alle Interpretationen der Daten der letzten
Jahre in Frage gestellt worden, meint Carlstrom. "Statt zu sagen, dass wir den
Ursprung und die Entwicklung des Universums mit recht großer Sicherheit
verstehen, hätten wir zugeben müssen, dass wir eigentlich gar nichts wissen.
Polarisation wird von den Theorien vorhergesagt, sie wurde gefunden, das heißt,
wir müssen mit unserem eigentlich recht merkwürdigen Universum leben."
Und in der Tat ist das Universum, was nun durch die Daten bestätigt wurde,
nicht unbedingt eines, was man als logisch und nachvollziehbar bezeichnen
möchte: Die normale Materie, also der Stoff aus dem Menschen, die Erde, Sterne
und Galaxien bestehen, macht darin gerade einmal fünf Prozent aus. Der größte
Teil besteht aus einer dunklen Energie, von der die Forscher keine Vorstellung
haben, um was es sich eigentlich handeln könnte. Sie wissen nur, dass sie der
Gravitationskraft entgegen wirkt und die Ausdehnung des Universums beschleunigt.
Zusätzlich dazu muss es auch noch eine so genannte Inflationsphase kurz nach dem
Urknall gegeben haben, in der das Weltall in Bruchteilen einer Sekunde
dramatisch angewachsen ist.
"In diesem schönen Gerüst der modernen Kosmologie gibt es eine Reihe von
Dingen, die wir nicht verstehen, aber wir glauben an das Gerüst", unterstreicht
Clem Pryke, Assistenzprofessor für Astronomie und Astrophysik an der Universität
von Chicago. Die neuen Ergebnisse seien für die Bestätigung dieses Gerüstes
enorm wichtig gewesen.
Die Polarisation liefert den Forschern Daten aus einer Zeit rund 400.000 Jahre
nach dem Urknall als sich Strahlung und Materie gerade zu trennen begannen. "Das
besondere an der Polarisation ist", so Carlstrom, "dass wir dadurch direkt
Informationen über die Dynamik im frühen Universum erhalten." Die zuvor
entdeckten Temperaturunterschiede haben den Forschern verraten, dass es schon im
Frühkosmos zu Klumpenbildung kam, aus denen später einmal die Strukturen im
Universum geworden sind. Die Polarisation verrät nun etwas über die Bewegungen
im Frühkosmos.
Die Polarisation zu entdecken war keine leichte Aufgabe: Die Polarisation ist
rund zehnmal schwächer als die zuvor mit Hilfe desselben Teleskops gefundenen
winzigen Temperaturunterschiede in der Hintergrundstrahlung. Schon für die erste
Entdeckung wurden über drei Monate Daten von 32 verschiedenen Himmelsregionen
gesammelt. Um die Polarisation festzustellen, wurden zwei Punkte am Himmel über
200 Tage lang beobachtet. Immer empfindlichere Instrumente werden - so die
Hoffnung der Forscher - in den nächsten Jahren noch weitere wichtige Ergebnisse
über die Hintergrundstrahlung liefern.
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DASI,
Homepage des Degree Angular Scale Interferometers
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