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Die kalte und staubige Seite der Galaxienentstehung
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der Universität Wien astronews.com
17. April 2026
Mit COLIBRE gelangen nun Simulationen, mit denen die
Galaxienentstehung und -entwicklung realistischer dargestellt werden kann als
zuvor, indem etwa kaltes Gas und kosmischer Staub mit einbezogen wird. Auf diese
Weise zeigte sich, dass einige Beobachtungen des James Webb Space Telecope
keinen Widerspruch zum aktuellen Standardmodell der Kosmologie darstellen.

Visuelle Eindrücke der COLIBRE-Simulationen.
Bild: Schaye et al. (2026) [Großansicht] |
Als das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) vor etwa vier Jahren seinen
Betrieb aufnahm, schien das kosmologische Standardmodell schon nach kurzer Zeit
zu wanken: Die Beobachtungen wichen in einzelnen Punkten zu stark von damaligen
Modellen und Simulationen ab; manche vermuteten neue Teilchen oder
Gesetzmäßigkeiten. Ein internationales Team, geleitet von Joop Schaye an der
Universität Leiden, konnte nun jedoch mithilfe einer neuen Sammlung
kosmologischer Simulationen zeigen, dass das sogenannte LCDM-Standardmodell
(Lambda-Cold-Dark-Matter) weiterhin gültig ist, wenn kaltes Gas, kosmischer
Staub und der Einfluss von Sternen und Schwarzen Löchern in den Modellen
berücksichtigt werden.
"Im Gegensatz zu früheren Simulationen kann COLIBRE das kalte Gas und den
kosmischen Staub innerhalb von Galaxien modellieren", erklärt Sylvia Ploeckinger
vom Institut für Astrophysik der Universität Wien, die an den Simulationen
beteiligt war. "Gas und Staub sind die Rohmaterialien für die Sternentstehung
und beeinflussen zudem stark, wie Galaxien in Teleskopen erscheinen." Durch die
Einbeziehung dieser zuvor fehlenden Komponenten und mithilfe deutlich höherer
Rechenleistung bildet COLIBRE reale Galaxien erfolgreich nach, wie sie sowohl
heute als auch im frühen Universum vom James-Webb-Teleskop beobachtet werden.
Die COLIBRE-Sammlung betritt dabei in mehrfacher Hinsicht Neuland: In
früheren Simulationen war es nicht möglich darzustellen, dass Gas innerhalb von
Galaxien unter etwa 10.000 Grad – heißer als die Oberfläche der Sonne –
abkühlte, weil die Modellierung kälteren Gases zu komplex war. Beobachtungen
zeigen jedoch, dass Sterne in deutlich kälterem Gas entstehen. COLIBRE
beinhaltet nun die notwendigen physikalischen und chemischen Prozesse, die nötig
sind, um dieses kalte interstellare Gas direkt zu modellieren. "COLIBRE ist ein
Simulationsprojekt, das Galaxien in all ihren Phasen abbildet, gerade auch ihre
kalte Seite: Wir können sehen, wie Gas abkühlt, Moleküle bildet und schließlich
neue Sterne entstehen. Das ist ein großer Fortschritt für großskalige
Galaxiensimulationen", erklärt Ploeckinger, die als COLIBRE‑Mitentwicklerin die
Modellierung dieser Prozesse leitete.
COLIBRE simuliert zudem kleine Staubkörner, die das galaktische Gas stark
beeinflussen können. Diese festen Partikel fördern die Bildung von
Wasserstoffmolekülen, die den kalten Gasanteil von Galaxien dominieren. Der
Staub schirmt Gas vor harter ultravioletter Strahlung ab und beeinflusst
maßgeblich, wie Galaxien in Teleskopen erscheinen. Staub absorbiert
ultraviolettes und optisches Licht von Sternen und emittiert es im Infraroten,
was viele astronomische Beobachtungen prägt. Durch die direkte Modellierung von
Staub eröffnet COLIBRE neue Wege, Simulationen mit realen Daten zu vergleichen.
Dank Fortschritten bei Algorithmen und Supercomputing verwendet COLIBRE bis zu
20-mal mehr Auflösungselemente als frühere Simulationen, wodurch größere
Volumina mit höherer Detailtiefe und besseren Statistiken simuliert werden
können. Dunkle Materie wird ebenfalls in hoher Auflösung modelliert, was
Artefakte reduziert, die in früheren Simulationen zu sehen waren.
COLIBRE zeigt, dass eine realistische Behandlung von kaltem Gas, Staub und
dem Einfluss von Sternen und Schwarzen Löchern auf das interstellare Medium
entscheidend für das Verständnis der Galaxienentwicklung ist. Es bietet ein
leistungsfähiges neues Labor zum Testen von Theorien, zum Interpretieren von
Beobachtungen und zum Erstellen "virtueller Beobachtungen", um zu prüfen, wie
die Astronomie reale Daten analysiert. "Ein großer Teil des Gases in Galaxien
ist kalt und staubig, aber die meisten früheren großen Simulationen mussten dies
ignorieren", sagt Projektleiter Schaye von der Universität Leiden. "Mit COLIBRE
bringen wir diese essenziellen Komponenten endlich ins Bild."
COLIBRE zeigt, dass das Standardmodell der Kosmologie weiterhin mit
Beobachtungen zur Galaxienentwicklung übereinstimmt – einschließlich einiger,
die als herausfordernd galten, etwa der Massen von Galaxien im frühen Universum.
"Einige frühe JWST-Ergebnisse schienen das Standardmodell der Kosmologie infrage
zu stellen", sagt Evgenii Chaikin von der Universität Leiden. "COLIBRE zeigt,
dass das Modell mit dem, was wir sehen, vereinbar bleibt, sobald zentrale
physikalische Prozesse realistischer dargestellt werden."
Dennoch sind bei weitem noch nicht alle Fragen geklärt: So werden
beispielsweise die rätselhaften "Little Red Dots", die vom JWST entdeckt wurden
und möglicherweise die Keime supermassereicher Schwarzer Löcher sind, von
COLIBRE nicht vorhergesagt, da angenommen wird, dass solche Keime bereits
existieren. "Ihre Entstehung zu modellieren, erfordert Simulationen mit noch
höherer Auflösung und neuer Physik – da liegt also noch viel Arbeit vor uns",
sagt Ploeckinger.
Über die wissenschaftlichen Ergebnisse hinaus entwickelte das Team auch neue
Wege, die Simulationen zu erkunden. Dazu gehören "sonifizierte Videos", in denen
Klang zusätzliche physikalische Informationen codiert, sowie interaktive Karten,
die es Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen, die virtuellen Universen zu
erforschen. "Diese Werkzeuge könnten neue Einblicke liefern, unser Fach
zugänglicher machen und uns helfen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Galaxien
wachsen und sich entwickeln", sagt James Trayford von der University of
Portsmouth, der die Entwicklung des Staubmodells von COLIBRE und die
Sonifizierung seiner Visualisierungen leitete.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel,
der in der Zeitschrift Monthly Notices of the Royal Astronomical Society erschienen ist.
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