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Mit dem Plasmastrahl gegen Weltraumschrott
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der Universität Kiel astronews.com
7. November 2025
Ein internationales Konsortium entwickelt im Rahmen des
EU-Projekts ALBATOR eine Ionenstrahl-Methode zur sicheren Entfernung von
Trümmern aus der Erdumlaufbahn. Dabei soll der Ionenstrahl die unkontrollierte
Eigenbewegung von Objekten stoppen und sie auch in einen anderen Orbit
verschieben oder kontrolliert zum Absturz bringen.

Die Ionenstrahl-Shepherd-Methode beruht auf
der Impulsübertragung durch einen Plasmastrahl
aus hochenergetischen Teilchen. Der Strahl soll
den Weltraumschrott also nicht etwa
"zerstrahlen", sondern dessen Bahn und
Eigenbewegung gezielt verändern.
Foto: Rafael Vester, Uni Kiel [Großansicht] |
Weltraumschrott ist eine der größten Herausforderungen für den sicheren
Betrieb von Satelliten und künftige Raketenstarts, besteht doch immer die Gefahr
einer Kollision und Beschädigung. Die Zahl an Trümmerteilen im All wächst stetig
– Schätzungen zeigen, dass es mehr als 36.000 Objekte gibt, die größer als zehn
Zentimeter und mehr als 130 Millionen Teile, die kleiner als ein Zentimeter
sind. Weltweit werden deshalb unterschiedliche Methoden zur Beseitigung von
Trümmern erforscht – von kontaktbasierten Systemen bis hin zu berührungslosen
Ansätzen. Kontaktlösungen gelten als besonders komplex, da sich die Bruchstücke
unvorhersehbar bewegen und die Systeme beim direkten Zugriff leicht beschädigt
werden können.
Im EU-Projekt ALBATOR verfolgen neben der Christian-Albrechts-Universität zu
Kiel (CAU) vier weitere Partner - die Justus-Liebig-Universität Gießen, die
Universidad Carlos III de Madrid sowie die Unternehmen NorthStar Earth &
Space in Luxemburg und OsmosX in Frankreich - einen berührungslosen Ansatz: die
sogenannte Ionenstrahl-Shepherd-Methode. Die Methode beruht auf der
Impulsübertragung durch einen Plasmastrahl aus hochenergetischen Teilchen. Der
Strahl soll den Weltraumschrott also nicht etwa "zerstrahlen", sondern dessen
Bahn und Eigenbewegung gezielt verändern.
In der Regel taumeln die Objekte, das heißt, sie drehen sich unkontrolliert.
Mithilfe des Ionenstrahls muss diese Drehung zunächst gestoppt werden, bevor das
Objekt beispielsweise mit einem Greifarm oder Netz eingefangen und abgeschleppt
werden kann. Alternativ kann das gesamte Manöver kontaktlos erfolgen, indem das
Objekt ausschließlich mit dem Ionenstrahl geschoben wird. Ziel ist es, den
Schrott entweder zum kontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu
bringen, sodass er verglüht, oder ihn in einen sogenannten "Friedhofsorbit" zu
überführen.
Im Projekt ALBATOR entwickeln die Forscherinnen und Forscher ein neuartiges
Plasmastrahlsystem, das gezielt auf Weltraumschrott ausgerichtet werden kann.
Neben dem Bau und der Optimierung des Systems entstehen auch Modelle, mit denen
sich die Plasmaentladung und die Wechselwirkung des Strahls mit Oberflächen
simulieren lassen. So soll möglichst effektiv Schub auf die Trümmerteile
übertragen werden. Das Team der CAU bringt seine Expertise in
Strahl-Oberflächen-Wechselwirkungen ein. Mit einer in Kiel entwickelten,
patentierten Kraftsonde wird gemessen, wie stark Ionenstrahlen auf verschiedene
Materialien wirken - etwa auf Solarpaneele, goldbeschichtete Kaptonfolien oder
Schutzlacke. Ergänzend dazu liefern detaillierte Computersimulationen weitere
Daten, die helfen, die komplexen Prozesse besser zu verstehen.
Beide Ansätze fließen in eine Materialdatenbank ein, die entscheidend ist, um
den Ionenstrahl präzise auf Weltraumschrott auszurichten und dessen Bewegung zu
beeinflussen. "Damit wir den Weltraum langfristig sicher nutzen können, müssen
wir Weltraumschrott vermeiden oder aktiv beseitigen. Genau dazu leisten wir
unseren Beitrag", betont der Kieler Projektleiter Dr. Thomas Trottenberg aus der
Arbeitsgruppe Plasmatechnologie.
Das Projekt ALBATOR (ecr-bAsed muLticharged ion Beam for Active debris
removal and oTher remediatiOn stRategies) wird im Programm HORIZON-EIC
Pathfinder Challenge 42 Monate lang mit insgesamt rund vier Millionen Euro
gefördert. Rund 639.000 Euro davon erhält die CAU. Mit dem European Innovation
Council (EIC) Pathfinder unterstützt die EU visionäre, risikoreiche Projekte in
einem frühen Entwicklungsstadium, die das Potenzial haben, radikal neue
Technologien und Märkte zu schaffen.
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