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Die Bausteine des Lebens können überall entstehen
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Astronomie astronews.com
28. Juli 2025
Mithilfe des Radioteleskopverbunds ALMA wurden im jungen
Sternsystem V883 Orionis erste Hinweise auf komplexe organische Verbindungen wie
Ethylenglykol und Glykolnitril gefunden und damit mögliche Vorläufer von Zuckern
und Aminosäuren. Das deutet darauf hin, dass die Bausteine des Lebens unter
geeigneten Bedingungen im gesamten Universum gebildet werden können.

Diese künstlerische Darstellung zeigt die
planetenbildende Scheibe um den Stern V883
Orionis. In den äußersten Bereichen der Scheibe
sind flüchtige Gase zu Eis gefroren, welches
komplexe organische Moleküle enthält. Ein
Energieausbruch des Sterns erwärmt die innere
Scheibe auf eine Temperatur, die das Eis
verdampfen lässt und die komplexen Moleküle
freisetzt, sodass sie nachgewiesen werden können.
Die Ausschnittvergrößerung zeigt die chemische
Struktur der in der protoplanetaren Scheibe
nachgewiesenen und vermuteten komplexen
organischen Moleküle.
Bild: ESO / L. Calçada /
T. Müller (MPIA / HdA) (CC BY 4.0) [Großansicht] |
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Abubakar Fadul vom
Max-Planck-Institut für Astronomie (MPIA) hat mit dem ALMA-Teleskop komplexe
organische Moleküle in der protoplanetaren Scheibe des Protosterns V883 Orionis
entdeckt – darunter erstmals wahrscheinlich Ethylenglykol und Glykolnitril.
Diese Verbindungen gelten als Vorstufen der Bausteine des Lebens. Ein Vergleich
verschiedener kosmischer Umgebungen zeigt, dass sowohl die Häufigkeit als auch
die Komplexität solcher Moleküle von Sternentstehungsgebieten hin zu
Planetensystemen zunimmt. Dies deutet darauf hin, dass die Bausteine des Lebens
bereits im Weltraum gebildet werden und weitverbreitet sind.
Komplexe organische Moleküle (COMs; complex organic molecules) wurden bereits
an verschiedenen Orten nachgewiesen, die mit der Entstehung von Sternen und
Planeten in Verbindung stehen. COMs bestehen aus mehr als fünf Atomen, darunter
mindestens ein Kohlenstoffatom. Viele von ihnen gelten als Vorläufer wichtiger
biologischer Verbindungen, etwa von Aminosäuren und Nukleinsäuren. Die
Entdeckung von 17 COMs in der protoplanetaren Scheibe des Protosterns V883
Orionis schließt eine lang bestehende Lücke im Verständnis der chemischen
Entwicklung dieser Moleküle – von der Zeit vor der Sternentstehung bis zur
Bildung planetenbildender Scheiben. Erstmals konnten dabei auch die Signaturen
von Ethylenglykol und Glykolnitril nachgewiesen werden. Aus Glykolnitril können
sich die Aminosäuren Glycin und Alanin sowie die Nukleinbase Adenin bilden.
Der Übergang von einem kalten Protostern zu einem jungen Stern, der von einer
Scheibe aus Staub und Gas umgeben ist, ist durch heftige Phasen mit Stoßwellen,
intensiver Strahlung und gewaltigen Gasausstößen gekennzeichnet. Bislang wurde
angenommen, dass diese extremen Bedingungen die zuvor gebildeten chemischen
Verbindungen weitgehend zerstören. Gemäß dieses sogenannten "Reset"-Szenarios
müssten die meisten chemischen Stoffe, die später zu lebenswichtigen Molekülen
werden, erst in protoplanetaren Scheiben neu entstehen – während der Bildung von
Kometen, Asteroiden und Planeten.
"Nun scheint aber genau das Gegenteil der Fall zu sein", erläutert Kamber
Schwarz, eine MPIA-Wissenschaftlerin, die an der Studie beteiligt war.
"Protoplanetare Scheiben übernehmen komplexe Moleküle aus früheren Stadien, und
ihre chemische Evolution setzt sich während der Scheibenphase fort." Tatsächlich
wäre die Zeit zwischen der energiereichen Protosternphase und der Entstehung
einer stabilen protoplanetaren Scheibe zu kurz, um komplexe organische Moleküle
in nachweisbaren Mengen neu zu bilden. Das bedeutet, dass die chemischen
Voraussetzungen für biologische Prozesse nicht nur unter lokalen Bedingungen in
einzelnen Planetensystemen vorliegen, sondern weitverbreitet sein könnten.
Bereits in dichten Gas- und Staubwolken, die Sternen vorausgehen, konnten
einfache organische Moleküle wie Methanol nachgewiesen werden. Unter günstigen
Bedingungen entstehen dort sogar komplexere Verbindungen wie Ethylenglykol –
eine der nun in V883 Orionis entdeckten Substanzen. "Unsere Forschung zeigt,
dass Ethylenglykol durch Bestrahlung mit UV-Licht aus Ethanolamin entstehen kann
– einem Molekül, das kürzlich im Weltraum entdeckt wurde", erklärt Tushar
Suhasaria, Leiter des MPIA-Labors zur Erforschung der Ursprünge des Lebens.
"Dieser Befund lässt vermuten, dass Ethylenglykol nicht nur in frühen
Sternentstehungsgebieten gebildet wird, sondern auch in späteren
Entwicklungsstufen, wenn UV-Strahlung eine dominierende Rolle spielt." Noch
komplexere organische Moleküle, die für biologische Prozesse essenziell sind –
darunter Aminosäuren, Zucker und Nukleobasen, die DNA und RNA bilden – wurden
bereits in Asteroiden, Meteoriten und Kometen unseres Sonnensystems
nachgewiesen.
Die chemischen Reaktionen, die zur Bildung komplexer organischer Moleküle
führen, finden bevorzugt unter extrem kalten Bedingungen statt – idealerweise
auf eisbedeckten Staubpartikeln, die sich allmählich zu größeren Himmelskörpern
verklumpen. Eingebettet in eine Mischung aus Gestein, Staub und Eis bleiben
diese Moleküle meist verborgen. Diese Moleküle aufzuspüren ist nur möglich,
indem man sie mit Raumsonden freilegt oder das Eis durch Wärme von außen
verdampft. In unserem Sonnensystem geschieht dies, wenn etwa die Sonne einen
Kometen erwärmt. Dadurch bildet sich ein eindrucksvoller Gas- und Staubschweif
und eine Koma, eine Hülle aus Gas, die den Kometenkern umgibt. Freigesetzte
Moleküle lassen sich so durch Spektroskopie – die regenbogenartige Zerlegung von
Licht – nachweisen. Diese spektralen Fingerabdrücke helfen Astronomen, die zuvor
im Eis verborgenen Moleküle zu bestimmen.
Ein ähnlicher Prozess spielt sich auch im System V883 Orionis ab. Der
zentrale Protostern wächst weiter, indem er Gas aus der umgebenden Scheibe
ansammelt. In bestimmten Wachstumsphasen heizt sich das einströmende Material
stark auf und löst heftige Strahlungsausbrüche aus. "Diese Energie reicht aus,
um selbst weit entfernte, eisige Regionen der Scheibe zu erwärmen und die dort
verborgenen Moleküle freizusetzen", erklärt Fadul. "Komplexe Moleküle wie
Ethylenglykol und Glykolnitril senden Radiowellen aus. ALMA ist daher ideal
geeignet, um diese Signale zu empfangen", ergänzt Schwarz.
Die MPIA-Forschenden erhielten Beobachtungszeit am ALMA-Radiointerferometer
über die Europäische Südsternwarte (ESO), die das Observatorium in der
chilenischen Atacama-Wüste auf 5000 Meter Höhe betreibt. Mit ALMA - dem Atacama
Large Millimeter/submillimeter Array - gelang es dem Team, das System V883
Orionis exakt anzuvisieren und die schwachen Spektralsignaturen nachzuweisen,
die die aktuelle Entdeckung ermöglichten. "Dieses Ergebnis ist zwar aufregend,
aber wir haben bisher nicht alle Signaturen entschlüsselt, die wir in unseren
Spektren gefunden haben", sagt Schwarz. "Daten mit höherer Auflösung werden die
Nachweise von Ethylenglykol und Glykolnitril bestätigen. Vielleicht sind darin
noch komplexere Chemikalien verborgen, die wir bisher noch nicht identifiziert
haben."
"Womöglich müssen wir auch andere Bereiche des elektromagnetischen Spektrums
untersuchen, um noch längere Moleküle zu finden", unterstreicht Fadul. "Wer
weiß, was wir noch alles finden werden?" Die Forschungsergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift
Astrophysical Journal Letters veröffentlicht.
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Fadul, A. M. A. et al. (2025): A deep search for Ethylene Glycol and
Glycolonitrile in V883 Ori Protoplanetary Disk, ApJL, 988, L44
Fadul, A. M. A. et al. (2025): A deep search for Complex Organic Molecules toward the protoplanetary disk of V883 Ori,
AJ, 169, 307
Suhasaria, T. et
al. (2025): Lyα Processing of Solid-state Ethanolamine: Potential
Precursors to Sugar and Peptide Derivatives, ApJ, 982, 48
Max-Planck-Institut für Astronomie
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