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Gravitationswellen-Katalog mit 161 neuen Ereignissen
veröffentlicht
Redaktion
/ Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik astronews.com
27. Mai 2026
Die LIGO-Virgo-KAGRA-Kollaboration hat mit GWTC-5 den
bislang umfassendsten Gravitationswellen-Katalog veröffentlicht. Er enthält 161
neue Ereignisse und erhöht damit die Gesamtzahl der seit 2015 nachgewiesenen
Signale auf 390. Darunter befinden sich viele astrophysikalische Highlights. Für
weitere 68 Signal-Kandidaten laufen derzeit noch die Auswertungen.

Spektrogramme einiger Gravitationswellen-Ereignisse im
neuen Katalog GWTC-5.0.
Bild: Derek Davis / University of
Rhode Island / LIGO-Virgo-KAGRA [Großansicht] |
Die LIGO-Virgo-KAGRA (LVK)-Kollaboration haben in dieser Woche einen
aktualisierten Katalog der Gravitationswellen-Ereignisse veröffentlichen, die
ihr internationales Detektornetzwerk mit Instrumenten in den Vereinigten
Staaten, Italien und Japan beobachtet hat. Die neue Version des Katalogs trägt
den Namen "Gravitational-Wave Transient Catalogue-5.0" (GWTC-5). Das
Detektornetzwerk nahm die Messdaten, die für die Veröffentlichung analysiert
wurden, während O4b auf. O4b ist der zweite Teil des vierten gemeinsamen
Beobachtungslauf O4 und dauerte von April 2024 bis Ende Januar 2025.
In den Daten fanden die Forschenden 161 neue Gravitationswellen-Ereignisse.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermittelten die Parameter für 104
davon. Damit erhöht sich in der neuesten Version des Katalogs die Gesamtzahl der
Ereignisse, die das Netzwerk seit dem ersten Nachweis im September 2015
beobachtet hat, auf 390. Weil die Detektoren durch instrumentelle Upgrades immer
empfindlicher werden, steigt die Zahl der in den einzelnen Beobachtungsläufen
entdeckten Ereignisse deutlich an. Das zeigt sich daran, dass 75 Prozent aller
bisher beobachteten Gravitationswellen-Signale aus dem ersten und zweiten Teil
von O4 stammen.
"Wir haben unsere Detektoren mittlerweile so empfindlich gemacht, dass wir
während unserer Beobachtungsläufe etwa drei- bis viermal pro Woche neue
Gravitationswellen-Signale entdecken. Diese stellen für uns einen beständig
wachsenden Datenschatz dar", sagt Frank Ohme, Gruppenleiter in der Abteilung für
Präzisionsinterferometrie und fundamentale Wechselwirkungen am
Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut; AEI) in
Hannover. "Jedes neue Signal hilft uns dabei, die dunkle, unsichtbare Seite des
Universums besser zu verstehen."
"Zehn Jahre nach unseren ersten Entdeckungen treten wir nun in das Zeitalter
der Präzisionsastronomie mit Gravitationswellen ein", fügt Karsten Danzmann,
Direktor Emeritus am AEI in Hannover, hinzu. "Was wir heute mit der
Gravitationswellen-Astronomie erreichen können, ist wirklich erstaunlich! Wir
können die Population verschmelzender Schwarzer Löcher untersuchen, einige der
präzisesten Tests der Allgemeinen Relativitätstheorie durchführen und die
Expansion unseres Universums auf eine ganz neue Art und Weise messen."
"Unser neuer Katalog enthält mehrere außergewöhnliche und rekordverdächtige
Signale", betont Alessandra Buonanno, Direktorin der Abteilung für
Astrophysikalische und Kosmologische Relativitätstheorie am AEI im Potsdam
Science Park. "Wir haben Hinweise auf die Existenz von Schwarzen Löchern der
zweiten Generation gefunden, die Himmelsposition einer Gravitationswellen-Quelle
präziser als je zuvor bestimmt und im bislang klarsten beobachteten Signal
erstmals drei Gravitationswellen-Töne eines Schwarzen Lochs gemessen oder
eingeschränkt."
"Die Kollaboration hat eine außerordentlich sorgfältige und umfassende
Analyse der nachgewiesenen Gravitationswellen durchgeführt", bestätigt Harald
Pfeiffer, Gruppenleiter am AEI in Potsdam und leitender Gutachter für die
interne Qualitätskontrolle der Datenerfassung und -analyse für die Publikation
über die GWTC-5.0-Resultate. "Das macht die aktuellen Bekanntgaben nicht nur
wissenschaftlich äußerst wichtig, sondern auch sehr verlässlich."
Ein Signal im Katalog, das die Detektoren am 15. Juni 2024 beobachteten,
stellt einen neuen Rekord für die am genauesten bestimmte Himmelsposition auf.
Seine Ursprungsrichtung wurde auf einen Bereich von nur 6 Quadratgrad
eingeschränkt. Das entspricht einem Fleckchen Himmel, das sich von etwa 28
Vollmonden bedecken ließe. Diese außergewöhnliche Leistung war möglich, weil die
LVK-Forschenden Daten von beiden LIGO-Instrumenten und vom Virgo-Detektor
gemeinsam verarbeiteten. Den Ursprungsort einer Gravitationswelle zu bestimmen,
ist entscheidend bei der Suche nach möglichen elektromagnetischen Signalen, die
durch Ereignisse wie die Verschmelzung von Neutronensternpaaren oder von
Schwarzen Löchern mit Neutronensternen erzeugt werden. Je kleiner der ermittelte
Himmelsbereich ist, desto einfacher ist es, andere astronomische Observatorien
darauf auszurichten. Das Rekord-Ereignis entstand durch die Verschmelzung zweier
Schwarzer Löcher, die die 34- bzw. 26-fache der Masse unserer Sonne hatten. Die
Gravitationswellen wurden bei ihrer Verschmelzung vor etwa 3,4 Milliarden Jahren
– zu einer Zeit, als die frühesten bekannten Lebensformen auf der Erde
entstanden – ausgesendet. Sie durchliefen das All mit Lichtgeschwindigkeit bis
sie 2024 unseren Planeten erreichten.
Immer wenn Gravitationswellen-Signale die Erde erreichten, überprüfte ein
internationales Team die Funktion der Algorithmen, die die potenziellen Signale
identifiziert hatten, und besprach zudem die nächsten Analyseschritte.
AEI-Mitglieder trugen in einwöchigen Schichten ihre Datenanalyse-Expertise
während des Beobachtungslaufs bei. Die Gravitationswellen-Astronomie geht weit
über den bloßen Nachweis eines Signals hinaus. Mithilfe hochentwickelter
Datenanalyse-Methoden muss es aus dem Hintergrundrauschen der Detektoren
gefiltert und müssen seine astrophysikalischen Eigenschaften bestimmt und
verstanden werden. Je deutlicher sich ein Signal vom Rauschhintergrund abhebt,
desto "lauter" ist es und desto besser lassen sich seine astrophysikalischen
Eigenschaften verstehen.
Astrophysikalische Eigenschaften dieser lauten Signalen zu beschreiben,
erfordert ein detailliertes Verständnis der charakteristischen Fingerabdrücke,
die diese Eigenschaften in den Daten hinterlassen. Zu diesem Zweck haben
Forschende am AEI in Potsdam und Hannover die neueste Generation verbesserter
Wellenformmodelle entwickelt und maßgeblich zu ihnen beigetragen.
LVK-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler nutzen diese Modelle, um die von
Doppelsystemen Schwarzer Löcher ausgestrahlten Gravitationswellen vorherzusagen
und neu entdeckte Signale zu verstehen.
"Unsere verbesserten Wellenformmodelle sind physikalisch konsistenter und
genauer. Sie sind entscheidend dafür, anhand der Detektordaten die Eigenschaften
von Verschmelzungen Schwarzer Löcher zuverlässig zu bestimmen", erklärt Héctor
Estellés Estrella, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am AEI Potsdam und
jetzt Postdoctoral Fellow am Institut für Weltraumwissenschaften in Barcelona.
"Wir haben zusätzliche physikalische Details in bestehende Wellenformmodelle
integriert. Diese wurden nun in GWTC-5 eingesetzt und bringen uns der präzisen
Modellierung dieser komplexen astrophysikalischen Systeme einen Schritt näher",
fügt Shrobana Ghosh hinzu, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für
Präzisionsinterferometrie und fundamentale Wechselwirkungen am AEI Hannover.
GWTC-5 enthält fünf außergewöhnlich laute Verschmelzungen von Binärsystemen
Schwarzer Löcher, darunter das bislang mit Abstand klarste
Gravitationswellen-Signal. So stammte GW250114 von einer Verschmelzung von
Schwarzen Löchern mit der 34- bzw. 32-fachen Masse unserer Sonne in einer
Entfernung von rund 1,3 Milliarden Lichtjahren. Es wurde am 14. Januar 2025
beobachtet, und seine "Klarheit" ermöglichte herausragende Ergebnisse, darunter
einige der präzisesten Tests der Allgemeinen Relativitätstheorie, die je
durchgeführt wurden, sowie die Bestätigung von Stephen Hawkings Flächen-Theorem
Schwarzer Löcher (astronews.com berichtete).
Während der Abkling-Phase, in der das Schwarze Loch unmittelbar nach der
Verschmelzung seinen Endzustand einnimmt, enthält das Gravitationswellen-Signal
ein charakteristisches Spektrum von Tönen (auch Moden genannt). Charakterisiert
man mehrere dieser Töne – misst man ihre Frequenzen und wie schnell sie
abklingen – so kann man einzigartige und sehr strenge Tests der Allgemeinen
Relativitätstheorie durchführen. GW250114 war so laut und klar, dass die
Forschenden zwei Töne messen und einen dritten eingrenzen konnten. Alle drei
stimmen mit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie und der Kerr-Lösung für
rotierende Schwarze Löcher überein.
In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am
AEI und am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme (MPI-IS) einen
Algorithmus namens DINGO entwickelt. Er setzt Methoden maschinellen Lernens zur
Analyse von Gravitationswellen-Daten ein. DINGO kam beim Erstellen des neuen
Katalogs erstmals routinemäßig zum Einsatz. "Unser Ansatz namens DINGO nutzt
neuronale Netzwerke. Er ist genauso präzise und zuverlässig wie die
herkömmlichen Methoden, die die LVK-Kollaboration zur Bestimmung der
astrophysikalischen Eigenschaften der Gravitationswellen-Quellen verwendet. Er
benötigt für dieselbe Aufgabe jedoch nur Minuten statt Stunden oder Tage",
erklärt Annalena Kofler, Doktorandin am MPI-IS und am AEI Potsdam. "Die LVK hat
104 der 161 neuen Gravitationswellen-Signale genauer untersucht. Für 42 dieser
104 Signale im neuen Katalog kam DINGO zur Validierung zum Einsatz. Die
DINGO-Ergebnisse stimmen exakt mit denen der herkömmlichen Methoden überein",
fügt Nihar Gupte hinzu, Doktorand in der Abteilung für Astrophysikalische und
Kosmologische Relativitätstheorie am AEI im Potsdam Science Park.
Im Oktober und November 2024, im Abstand von nur einem Monat, registrierte
das Detektornetzwerk Gravitationswellen von zwei ganz besonderen Verschmelzungen
Schwarzer Löcher. GW241011 und GW241110 kamen aus Entfernungen von etwa 700
Millionen bzw. 2,4 Milliarden Lichtjahren. Bestimmte Eigenschaften dieser
Verschmelzungen – insbesondere, wie schnell und um welche Achsen sich die
Schwarzen Löcher drehten – deuten darauf hin, dass es sich um Schwarze Löcher
der "zweiten Generation" handeln könnte. Das sind Schwarze Löcher, die selbst
aus früheren Verschmelzungen Schwarzer Löcher entstanden sind, wahrscheinlich in
dicht bevölkerten kosmischen Umgebungen wie bestimmten Sternhaufen. Dort ist es
wahrscheinlicher, dass Schwarze Löcher wiederholt zusammentreffen und
verschmelzen. Die wachsende Zahl der beobachteten Ereignisse ermöglichte es den
LVK-Forschenden zudem, die Eigenschaften verschiedener Populationen von
Schwarzen Löchern zu untersuchen und zu identifizieren.
Die LVK-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler haben zudem die Rate
bestimmt, mit der sich unser Universum ausdehnt. Dabei kam ihnen zugute, dass
das Detektornetzwerk immer mehr Signale beobachtet und deren Position immer
genauer bestimmen kann. Sie kombinierten gravitationswellenbasierte Messungen
der Entfernungen zu den Quellen mit anderen Messungen davon, wie schnell sich
diese aufgrund der Expansion des Universums von der Erde entfernen. Die
LVK-Kollaboration verbesserte die Genauigkeit, mit der sie die Hubble-Konstante
ermittelte, um mehr als 25 Prozent im Vergleich zu dem aus dem vorherigen
Katalog abgeleiteten Wert. Die Hubble-Konstante ist ein Maß für die
Ausdehnungsrate des Universums. Der nun ermittelte Wert stimmt mit bestehenden
Messungen sowohl aus unserer kosmischen Nachbarschaft als auch aus dem frühen
Universum überein. Er ist jedoch noch nicht präzise genug, um die
"Hubble-Spannung" zwischen diesen seit langem etablierten Messungen aufzulösen.
Die Analyse von O4c, dem letzten Teil von O4, der von Ende Januar 2025 bis
Mitte November 2025 dauerte, ist derzeit im Gange. Die LVK-Kollaboration wird
die Ergebnisse in den kommenden Monaten veröffentlichen. Die 68
Signalkandidaten, die bereits während O4c identifiziert wurden, werden den
Katalog erneut erweitern und neue Möglichkeiten zur Erforschung unseres
Universums und der fundamentalen Gesetze der Physik bieten. Derzeit werden die
Detektoren des internationalen Netzwerks verbessert, um ihre Empfindlichkeit für
IR1, den nächsten sechsmonatigen Beobachtungslauf, zu erhöhen. IR1 soll Ende
Oktober oder Mitte November 2026 beginnen. Empfindlichere Instrumente werden
dazu beitragen, Gravitationswellen-Signale noch häufiger zu entdecken – und
möglicherweise weitere seltene kosmische Ereignisse aufzuspüren.
Der Katalog und begleitende Studien wurden jetzt als Preprint veröffentlicht
und sollen in den Zeitschriften The Astrophysical Journal und The
Astrophysical Journal Letters erscheinen.
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