|
Auf der Suche nach dem Funken der Schöpfung
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung des Institute of Science and Technology Austria astronews.com
23. März 2026
Zwei mikroskopisch kleine Körner kollidieren und erzeugen
einen winzigen Funken. Dieses Phänomen könnte die Energie geliefert haben, die
das Leben auf der Erde ins Rollen gebracht hat. Aber was entscheidet, in welche
Richtung die Ladung fließt? In einer neuen Studie wurde nun der entscheidende
Faktor hierfür identifiziert: Kohlenstoffmoleküle auf der Oberfläche.

Schwebende Materie durch Schall. Versuchsaufbau mit einem
akustisch schwebenden Quarzkorn.
Foto: Thomas Zauner / ISTA [Großansicht] |
Was haben Staubstürme in der Sahara, Vulkanblitze und Akkretionsscheiben aus
Materie, die einen Stern umkreisen, gemeinsam? Ein winziger Funke, der Ladung
überträgt, ist der Kern dieser Phänomene. Bereits in den 1950er Jahren
vermuteten Wissenschaftler, dass die Energie von Vulkanblitzen dazu beigetragen
haben könnte, Urmoleküle in die ersten Aminosäuren umzuwandeln – die Bausteine
von Proteinen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie vermuten
Wissenschaftler, dass der Rover Perseverance der NASA möglicherweise
Hinweise auf Blitze inmitten von Staubstürmen auf dem Mars entdeckt hat.
Solche Wechselwirkungen sind in der Natur weit verbreitet. Dennoch konnten
Forschende bisher nicht genau bestimmen, was den Ladungsaustausch zwischen
isolierenden Feststoffen in eine bestimmte Richtung fließen lässt. Nun haben
Physiker aus der Gruppe von Scott Waitukaitis, Assistenzprofessor am
Institute of Science and Technology Austria (ISTA), das fehlende Puzzleteil
gefunden: umweltbedingte Kohlenstoffmoleküle auf Materialoberflächen.
Um das Problem anzugehen, wählte der ehemalige ISTA-Postdoktorand Galien
Grosjean Siliziumdioxid, eines der häufigsten festen Materialien im Universum.
Seine Messungen erwiesen sich jedoch als komplizierter als erwartet: Bei der
geringsten Berührung mit einer Oberfläche, einschließlich
Standard-Laborwerkzeugen wie Pinzetten, kam es zu einem Ladungsaustausch. Wie
könnte er den Kontakt und den Ladungstransfer untersuchen, ohne die Materialien
überhaupt zu berühren? Die Lösung bestand darin, ein auf akustischer Levitation
basierendes Versuchssystem zu entwickeln, um ein einzelnes Korn ohne physischen
Kontakt zu kontrollieren. Indem er das Korn auf einer Platte aus dem gleichen
Material hüpfen ließ, konnte Grosjean den Ladungstransfer vor und nach diesem
kontrollierten Kontakt präzise messen. Als er dies wiederholt mit jeder Probe
durchführte, stellte er fest, dass einige Proben durchweg positiv geladen waren,
während andere negativ geladen waren. Aber was verursachte den Ladungsfluss in
eine bestimmte Richtung zwischen zwei identischen Materialien? Und kann dieser
Trend umgekehrt werden?
Die ISTA-Wissenschafter untersuchten verschiedene Ansätze, um ihre Ergebnisse
zu erklären und den natürlichen Trend der Proben umzukehren. Frühere Modelle
gingen davon aus, dass die Materialien mit einem Mosaik aus zufälligen
Oberflächenmerkmalen bedeckt sind. "Im Wesentlichen stellten sich die
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Modell nach dem Vorbild eines
'Milchkuhmusters' vor", sagt Grosjean. Waitukaitis fährt fort: "Anfangs dachte
ich, wir würden dieses Modell validieren und dann voranschreiten. Wir erwarteten
zufällige Schwankungen des Ladungsaustauschs, die sich im Durchschnitt auf Null
ausgleichen würden, wenn sich die Körner drehten und auf verschiedenen winzigen
Flecken Kontakt hatten." Die Proben zeigten jedoch ein klares, konsequentes
Aufladungsmuster.
Parallel dazu untersuchte das Team, basierend auf anderen führenden Modellen,
die mögliche Rolle von Feuchtigkeit und Wassermolekülen, die an der Oberfläche
der Materialien angesammelt (adsorbiert) waren. "Wir haben uns lange Zeit
'kurzsichtig' auf Wasser konzentriert, was uns auf so viele Irrwege geführt
hat", sagt Waitukaitis. "Wir haben die führenden Theorien auf diesem Gebiet als
selbstverständlich hingenommen, und sie haben uns in die Irre geführt. Wir
brauchten Zeit, um das Vertrauen aufzubauen, zu erkennen, dass die Realität
anders war."
Das Team testete weiterhin neue Bedingungen, bis Grosjean beschloss, einige
Proben einer Wärmebehandlung zu unterziehen. Diese "gebackenen2 Proben zeigten
sofort einen deutlichen Effekt und luden sich nach dem Kontakt durchweg negativ
auf. "Da Quarzglas sehr widerstandsfähig gegenüber thermischen Veränderungen
ist, hat Wärme keinen Einfluss auf das Material selbst. Daher gingen wir davon
aus, dass jede Veränderung auf Moleküle zurückzuführen sein muss, die an der
Oberfläche des Materials adsorbiert sind", sagt er.
Ein paralleles Experiment, bei dem die Oberfläche der Proben mit Plasma
abgetragen wurde, zeigte denselben Effekt. "An diesem Punkt begannen wir, andere
Gruppen zu kontaktieren, die Materialoberflächen untersuchen und die
Oberflächen-Zusammensetzung präzise messen können, um die Proben vor und nach
dem Backen zu vergleichen. Dabei stellten wir fest, dass die Materialien durch
diese Behandlung ihre natürliche Beschichtung aus Kohlenstoffverbindungen aus
der Umgebung verloren", sagt Grosjean. Tatsächlich ist die Plasmabehandlung zur
Entfernung von Kohlenstoff ein Standardverfahren in der Oberflächenwissenschaft.
"Wir wussten, dass Kohlenstoff eine Rolle spielte, aber das war noch kein
eindeutiger Beweis", fügt er hinzu.
Als Nächstes untersuchten die Forscher, wie sich der Ladungseffekt nach dem
Backen oder der Plasmabehandlung entwickelte, und stellten fest, dass er im
Laufe eines Tages abnahm. 2Parallel dazu zeigten unsere Kooperationspartner,
dass die Kohlenstoffverbindungen im gleichen Zeitraum auch wieder an die
Oberfläche der Materialien zurückkehrten, was den Zusammenhang noch deutlicher
machte,2 sagt Grosjean. Im Vergleich dazu kehrten Wassermoleküle viel schneller
an die Oberfläche der Materialien zurück. Diese Experimente bestätigten, dass
Kohlenstoff aus der Umgebung der Auslöser war.
Die ISTA-Wissenschaftler untersuchten anschließend, ob der Einfluss von
Kohlenstoff aus der Umgebung auf die Ladung auch bei anderen isolierenden Oxiden
wie Aluminiumoxid, Spinell und Zirkonoxid auftritt. Nach einer Standardreinigung
– also ohne Entfernung der adsorbierten Kohlenstoffspezies von ihrer Oberfläche
– fallen diese Materialien natürlich in eine sogenannte triboelektrische Reihe,
in der sich die Materialien von der positivsten bis zur negativsten Ladung nach
dem Kontakt reihen. Dies deutet zwar darauf hin, dass die Materialien
intrinsische Tendenzen haben, doch das Team vermutete, dass auch die
Kohlenstoffbeschichtung dazu beitrug.
Die Forschenden untersuchten jedes Materialpaar einzeln. Bei dem Material,
das sich von Natur aus stärker positiv auflädt, entfernten sie die Oberfläche,
während das andere unverändert blieb. Auf diese Weise konnten sie die gesamte
Reihe umkehren. Durch die Einführung dieses deutlichen Ungleichgewichts in der
Kohlenstoffbeschichtung konnten die Forscher zeigen, dass der Kohlenstoffeffekt
die inhärenten Tendenzen der Materialien überwiegen kann.
Waitukaitis schildert die Herausforderungen, vor denen das Team stand: "Diese
Experimente sind wirklich schwierig. Die Kohlenstoffbeschichtung befindet sich
nie im Gleichgewicht; bereits eine einzige Monoschicht Kohlenstoff macht einen
Unterschied, und die Materialien reagieren empfindlich auf die geringste
Berührung. Deshalb blieb das Phänomen so lange ungeklärt." Mit einem auf
akustischer Levitation basierenden Versuchsaufbau löste das ISTA-Team nicht nur
das Problem des unerwünschten Kontakts, sondern erzielte auch äußerst präzise
Messungen mit einer Auflösung von 500 Elektronen.
In einer weiteren aktuellen Studie fand die Waitukaitis Gruppe heraus, dass
die Kontakthistorie zwischen Materialien aus weichen, siliziumbasierten
Polymeren die Richtung des Ladungsaustauschs bestimmte. Während beide Projekte
ursprünglich darauf abzielten, die älteren Modelle zu validieren, zeigten die
Polymere und isolierenden Oxide letztlich unterschiedliche Ergebnisse. "Es ist
verlockend zu glauben, dass jede Erkenntnis auf alle Materialien zutrifft", sagt
Grosjean. "Aber wir haben aufgehört, diesen Fehler zu machen." Über
mikroskopisch kleine Körner hinaus ist statische Elektrizität zwischen
isolierenden Oxiden in der Natur so weit verbreitet, dass sie der Ursprung des
Lebens und vielleicht sogar der Bildung von Planeten sein könnte. "Die meisten
dieser Materialien in der Natur sind kleine Partikel, die kleiner als ein
Millimeter sind. Sie laden sich auf, indem sie miteinander kollidieren,
aneinander reiben und übereinander rollen. Deshalb laden sich Wüstensand,
Vulkanaschewolken und Staubpartikel auf", sagt Waitukaitis.
Mit diesen Erkenntnissen können Forschende nun größere Fragen angehen,
beispielsweise ob dieses Phänomen auch in protoplanetaren Scheiben – die
Geburtsorte von Planetensystemen – auftritt. Waitukaitis fasst zusammen: "Einige
aktuelle Modelle der Planetenbildung basieren auf einer vorherrschenden Wirkung
der Ladung. Insofern könnte unsere Forschung gerade Licht auf den Mechanismus
geworfen haben, der den Funken der Schöpfung zugrunde liegt."
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in
der Zeitschrift Nature erschienen ist.
|