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Was die Dewar-Region über ein früheres Magnetfeld verrät
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der ETH Zürich astronews.com
28. September 2026
Gab es auf dem Mond einst ein starkes globales Magnetfeld?
Bisherige Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Forschende haben sich
nun Schwerkraft- und Magnetfeldmessungen einer besonderen Region auf der
Mondrückseite angesehen. Sie fanden darin Hinweise auf ein Mondmagnetfeld vor 4,2 Milliarden Jahren,
das überraschend stark war.

Findet sich hier der Schlüssel zur Lösung des
Magnetfeldrätsels? Die Rückseite des Mondes, wie
sie die Besatzung der Artemis 2-Mission sah.
Foto: NASA [Großansicht] |
Der Mond hat heute kein Magnetfeld mehr - im
Gegensatz zur Erde. Auf unserem Planeten erzeugt die Bewegung von flüssigem
Eisen im äußeren Kern ein globales, magnetisches Feld. Dieser sogenannte
Geodynamo funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie ein Dynamo am Fahrrad, der
mechanische Bewegung in elektrische Energie umwandelt. "Heutzutage wird heftig
darüber debattiert, ob der Mond in der Vergangenheit ebenfalls einen Dynamo
betrieben hat", sagt Xi Yang, Doktorand am Departement Erd- und
Planetenwissenschaften der ETH Zürich.
Die Analyse von Gesteinsproben, welche die Apollo-Astronauten zur Erde
zurückgebracht haben, hatte kein eindeutiges Ergebnis: "Manche Forschende gehen von einem starken Magnetfeld aus, das
über einen langen Zeitraum vor 4,25 bis 3,5 Milliarden Jahre existiert hat,
andere hingegen finden keine Hinweise darauf", sagt die Geophysikerin Anna
Mittelholz, die am selben Departement Dozentin ist. Zudem gibt es für das
magnetisierte Mondgestein neben der Dynamo-Theorie noch eine zweite, mögliche
Erklärung: Einschläge von massereichen Meteoriten oder Asteroiden könnten auf dem
Mond die Magnetisierungsprozesse ausgelöst haben.
Eine jetzt vorgestellte Studie der beiden
ETH-Forschenden in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen am DLR-Institut für
Weltraumforschung und der TU Berlin spricht nun für die Dynamo-Theorie: Sie kommt zum Schluss, dass der Mond vor 4,2 Milliarden Jahren, also einige
hundert Millionen Jahre nach seiner Entstehung, tatsächlich ein intern erzeugtes
Magnetfeld besaß. Die Forschenden stützen sich dabei nicht auf Gesteinsproben,
sondern auf Daten, die Sonden in der Mondumlaufbahn gesammelt haben, so auf
Schwerkraftmessungen der NASA-Sonden Grail und auf Magnetfeldmodelle, die auf
Messungen aus dem Orbit der Missionen Lunar Prospector und Kaguya basieren.
Im Fokus steht eine spezielle Region namens Dewar
auf der Rückseite des Mondes, die wir von der Erde aus nie zu Gesicht bekommen.
"Die Dewar-Region ist ein Glücksfall: Dort fallen eine der stärksten
Magnetfeldanomalien der Mondrückseite und eine deutliche Schwerefeldanomalie
räumlich zusammen", sagt Mittelholz. Das heißt, in dieser Region befindet sich
Gestein, das stärker magnetisiert und gleichzeitig dichter ist als anderswo.
"Das ist einer der Gründe, weshalb diese Region ein potenzielles Fenster für die
Erforschung der inneren Struktur ist", sagt Yang.
Meist ist der Ursprung der aus
der Mondumlaufbahn gemessenen Magnetfeldanomalien unbekannt. "Die
Schwerefelddaten geben uns jedoch Zugang zur Dichte und damit zum Material im
Untergrund", erklärt Mittelholz. "Wo Magnetfeld- und Schweresignal
zusammenfallen, kann man beides kombinieren und die Anomalie einer konkreten
geologischen Struktur zuordnen. Genau diese Chance bot Dewar." Und sie wurde von
den Forschenden genutzt: Erstmals erstellten sie aus der gemeinsamen
Verarbeitung von Schwerefeld- und Magnetfelddaten ein passendes Modell des
Untergrunds.
Das Resultat: In der Dewar-Region liegt unter der Mondoberfläche
ein rund 60 Kilometer breiter Gesteinskörper, der bis in etwa neun Kilometer
Tiefe reicht. Er ist deutlich dichter als die umgebende Kruste und zugleich
stark magnetisiert. Zusammen mit der Geochemie an der Oberfläche und einer
aufgewölbten Topografie, schließen die Forschenden, dass es sich dabei um
erstarrtes Magma handelt, das aus dem Untergrund aufgestiegen ist – ein
begrabener Vulkankomplex. Das Alter der Struktur – 4,2 Milliarden Jahre – lässt
sich aus den verschiedenen Ablagerungen von Einschlagmaterial auf der
Mondoberfläche ablesen.
"Weil wir wissen, wie
viel Eisen in einem solchen Gesteinskörper überhaupt zur Verfügung steht, können
wir abschätzen, wie stark das Magnetfeld beim langsamen Abkühlen des Magmas
mindestens gewesen sein muss. Das ist für mich eine wichtige Aussage", sagt
Mittelholz. Und Yang ergänzt: "Wir haben herausgefunden, dass das Magnetfeld auf
dem Mond damals sehr wahrscheinlich stärker als zehn Mikrotesla war. Auf der
heutigen Erde beträgt die Magnetfeldstärke etwa 50 Mikrotesla." Dass ein
heftiger Aufprall dieses Magnetfeld verursacht haben könnte, schließen die
Forschenden aus. Denn die Dewar-Region liegt außerhalb der Gebiete, die dafür
in Frage kommen. "Deshalb können wir fast sicher sein, dass das Magnetfeld von
einem länger andauerndem, im Kern erzeugten Dynamo stammen muss", sagt Yang.
Offen bleibt allerdings, wie der kleine Mondkern ein so starkes Magnetfeld
erzeugt haben soll. Deshalb halten auch die ETH-Forschenden die Frage nach der
Existenz eines frühen, lunaren Dynamos noch nicht für vollständig geklärt. "Wir
beleuchten sie aber von einer komplett neuen Perspektive aus", sagt Mittelholz.
So frage man nicht mehr "Gab es einen Dynamo?", sondern "Wie hat er
funktioniert?".
Die Studie liefert zudem Erkenntnisse zu
einem anderen, rätselhaften Phänomen, den Mondwirbeln, englisch "Lunar Swirls"
genannt. Diese hellen, geschwungenen oder streifenförmigen Muster auf der
Mondoberfläche heben sich deutlich von ihrer dunkleren Umgebung ab. Wo sich ein
solcher Swirl abzeichnet, finden Forschende immer eine magnetische Anomalie.
Auch in der Dewar-Region liegt an der Oberfläche ein Mondwirbel oberhalb der
beobachteten Anomalie.
Die Entstehung der Swirls ist umstritten. Eine mögliche
Erklärung: Wirbel entstehen nur dort, wo das Magnetfeld an der Oberfläche
horizontal verläuft, wie beim Dewar-Swirl. Das horizontale Feld lenkt den
Sonnenwind ab und schützt so die Oberfläche vor Verwitterung. Dadurch bleibt
diese heller als die Umgebung. "Dies ist eine wichtige Information für künftige
Astronauten", sagt Mittelholz: "Magnetische Feldlinien könnten Schutz vor
Sonnenwinden bieten und Swirls zeigen Orte solcher Konstellationen auf."
Die
Ergebnisse der Forschenden sollen zudem künftigen Mondmissionen dienen, wenn es
um die Auswahl vorrangiger Ziele für Messungen vor Ort geht, und sie können bei
der Untersuchung von Mondproben helfen, um Rückschlüsse auf die magnetische
Entwicklungsgeschichte des Mondes zu ziehen. "Die Methode könnte auch bei
anderen Himmelskörpern eingesetzt werden, um allein anhand von Daten aus einer
Umlaufbahn Informationen über einen planetaren Dynamo zu erhalten", sagt Yang.
Interessant wäre beispielsweise der Mars, allerdings fehlen da zurzeit noch
Daten von genügend hoher Qualität.
Über ihre Ergebnisse berichtet das Team in einem Fachartikel, der in der
Fachzeitschrift
Science Advances erschienen ist.
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