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Schwebende Tropfen aus metallischem Glas
Redaktion
/ idw / Pressemitteilung der Universität des Saarlandes astronews.com
24. August 2026
Forschende aus dem Saarland warten mit Spannung auf ihre
erste Weltraummission. Geplant sind ab dem 31. August für eine Woche Experimente
mit Legierungen von metallischem Glas auf der Internationalen Raumstation ISS:
An heißen schwebenden Tropfen sollen die Eigenschaften der Legierungen erforscht
und so das Material weiter verbessert werden.

Solche Kügelchen
aus metallischem Glas – hier Nickel-Niob-Schwefel
– warten bereits auf der ISS. Sie werden ohne
Schmelztiegel verflüssigt und als bis zu 1700
Grad heiße, schwebende Tropfen untersucht.
Foto:
Lucas Ruschel / Universität des Saarlandes [Großansicht] |
Die auf der Internationalen Raumstation ISS herrschende Schwerelosigkeit ist der Grund
für die Mission der Saarbrücker Materialforscher im All. Für ihre Messungen
brauchen sie Tropfen ihrer neuen Legierung, die "stillhalten". Ralf Busch,
Materialforscher an der Universität des Saalandes, ist international einer der
Pioniere für metallisches Glas. Hierbei handelt es sich um Metalle, die zu Glas
erstarren. In vielen unter anderem von EU, Bund und der Deutschen
Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekten entwickeln und verbessern
Busch und sein Team die neuartigen Legierungen, die maßgeschneiderte
Eigenschaften haben. Die Bezeichnung als "Glas" heißt nicht, dass metallisches
Glas empfindlich wäre. Im Gegenteil: Die Legierungen sind fester als Stahl.
"Zugleich sind sie elastisch und bei erhöhter Temperatur formbar wie
Kunststoff, was es möglich macht, sie im Spritzguss oder Metall-3D-Druck zu
verarbeiten", erklärt Busch. Dadurch lassen sich metallische Gläser in beliebige
komplizierte Formen bringen, woran der Materialforscher und sein Team ebenfalls
forschen. Seine Arbeitsgruppe hält mehrere Patente auf neuartige, ultrafeste
Legierungen mit neuen Eigenschaften.Mit den metallischen Gläsern entwickeln die
Forscher neue Materialien, die Eigenschaften auf Maß für den Einsatz etwa in
Motoren und Maschinen haben, zum Beispiel neue Komponenten, die Elektromotoren
energieeffizienter machen, oder Schrauben und komplizierte Bauteile, die so
stark sind, dass sie in der Luft- und Raumfahrt härtesten Bedingungen
standhalten.
Den Namen Glas tragen diese Metalllegierungen wegen ihrer
inneren Struktur. "Klassische Metalle haben eine kristalline Struktur, ihre
Atome sind angeordnet in einem Gefüge", erklärt Busch. Die Atome stecken dort
ordentlich in ihren Kristallgittern. Nicht so bei den metallischen Gläsern: Ihre
innere Struktur sieht unordentlich aus wie bei Glas. "Die Atome sind ungeordnet.
Die metallischen Gläser sind wie Glas amorph", erläutert der Professor für
Metallische Werkstoffe. Die Forscher gewöhnen hierfür der Metallschmelze ab, zu
kristallisieren, und finden Legierungen, die dies viel langsamer tun. Auf diese
Weise haben die Atome Schwierigkeiten, sich in der richtigen Reihenfolge zu
Kristallen zusammenzufinden, und die Metallschmelze erstarrt mit den
ungeordneten Atomen.
Dass dieses "zu Glas erstarren" funktioniert und die Legierungen auch noch
die passenden Eigenschaften etwa für den 3D-Metalldruck mitbringen, ist Ergebnis
langjähriger Forschung. Die Zusammensetzung der Atomsorten muss im Rezept der
Legierungen perfekt abgestimmt sein. "Es dauert Jahre, eine solche Legierung zu
entwickeln. Wir designen sie in einem vieldimensionalen Konzentrationsraum, um
die Kristallisation zu verlangsamen und die richtigen Eigenschaften
einzustellen", erklärt Busch. Er arbeitet bei seiner Forschung schon seit
Jahrzehnten unter anderem mit der NASA und mit dem Deutschen Zentrum für Luft-
und Raumfahrt zusammen.
Im Fokus der Versuchsreihe im All stehen
planmäßig vom 31. August bis 4. September Legierungen aus Nickel-Niob sowie
Nickel-Niob-Schwefel. Erstere wurde bereits 1967 am Massachusetts Institute
of Technology in den USA entdeckt. Die zweite Legierung stammt aus Buschs
Labor am Saarbrücker Campus. Mit den Versuchen in der Schwerelosigkeit will sein
Team das Wissen um die physikalischen Eigenschaften von metallischem Glas
erweitern. Auf der ISS untersuchen die Forscher hierzu schwebende, bis zu 1700
Grad heiße Tropfen unter anderem auf ihre Oberflächenspannung, ihre Viskosität,
das Ausdehnungs-, Unterkühlungs- und Schwingungsverhalten sowie die
Wärmekapazität.
"Die Legierung ist sehr reaktiv, wir brauchen auf der ISS keinen
Schmelztiegel, um die Kugeln zu verflüssigen", erklärt Busch. Die eigens auf dem
Saarbrücker Campus von Buschs ehemaligem Doktoranden Lucas Ruschel angefertigten
Kügelchen aus metallischem Glas wurden bereits zur ISS geflogen. Sie wurden nach
Experimenten auf der Erde zertifiziert, um sicherzustellen, dass sie auf der ISS
keinen Schaden anrichten.
Die Experimente laufen im Columbus-Modul der
ESA im Elektromagnetischen Levitator (EML), den der deutsche ESA-Astronaut
Alexander Gerst 2014 installiert hat. Eine ganze Woche Messzeit auf der ISS hat
Lucas Eisenhut, ein weiterer von Buschs Doktoranden. Er steuert die Versuche
zusammen mit Dr. Fan Yang vom Kontrollzentrum des DLR in Köln aus, der Buschs
Habilitand in Saarbrücken ist. "Die ISS sendet Live-Videos an das
Kontrollzentrum, dadurch können wir die Experimente live beobachten. Wir können
unsererseits Echtzeitbefehle direkt an das Gerät auf der ISS senden, um
Prozessparameter anzupassen und Einfluss auf Probe und Versuch zu nehmen",
erläutert Eisenhut.
Die Vorbereitungen auf die Tests im All laufen seit Jahren. Die Forscher
haben dafür auf der Erde etliche Male heiße Tropfen der Legierung schweben
lassen: im Vakuum im elektromagnetischen und elektrostatischen Feld beim DLR in
Köln. Am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY wurden Tropfen mit
Röntgenstrahlung durchleuchtet. Der inzwischen promovierte Lucas Ruschel
absolvierte an einem Tag ganze 30 Parabelflüge, um über dem Atlantik vor
Frankreich die Tropfen in der kurzen Schwerelosigkeit von etwa 22 Sekunden zu
untersuchen.
Diese kurzen Testphasen reichen den Forschern aber nicht aus: Zu viele
Störfaktoren beeinträchtigen auf der Erde die Messungen. Unter
Weltraumbedingungen auf der ISS geht das besser. "Wir erwarten erheblich
präzisere Untersuchungsergebnisse, als es bislang auf der Erde möglich ist. Die
Kraft, die wir brauchen, um die Schwerkraft zu überwinden, damit der Tropfen auf
Position bleibt, ist hier am Boden um Vieles größer als auf der ISS. Dort müssen
wir das Tröpfchen mit ganz geringen Kräften nur in seiner Position halten. Das
hat entscheidende Vorteile", erläutert Busch. Hier auf der Erde stören
verschiedene Einflüsse und Phänomene wie Strömungen im Tropfen die Messungen.
"Ein großer Vorteil ist auch die viel längere Versuchszeit unter
Schwerelosigkeit. Wir haben auf der ISS täglich mehrere Experiment-Zyklen von
bis zu 45 Minuten, also insgesamt mehrere Stunden. Das macht weitgehendere
Versuche und Ergebnisse möglich als bei 22-Sekunden-Parabelflügen", ergänzt
Doktorand Eisenhut.
Ziel der Weltraum-Mission ist es, mit neuen und hoffentlich so präzisen
Messwerten wie nie zuvor das Material weiter zu verbessern und neue Werkstoffe
für Raumfahrt, Medizintechnik, Hochleistungsbauteile oder auch Alltagsprodukte
zu ermöglichen. Die nächsten Kügelchen anderer Legierungen wie
Palladium-Nickel-Phosphor, die bei einer weiteren Mission des Busch-Teams auf
die ISS fliegen werden, sind bereits in Vorbereitung.
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ISS - die astronews.com
Berichterstattung über die Internationale Raumstation
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