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Die Form des galaktischen Zentralbereichs
von Stefan Deiters astronews.com
12. September 2013
Wie genau unsere Milchstraße für einen außergalaktischen
Betrachter aussehen würde, ist nicht so leicht zu beantworten. Es ist nämlich
relativ schwierig, etwa über die Struktur unserer Heimatgalaxie zu erfahren, da
wir Teil dieser Galaxie sind. Durch sorgfältige Beobachtungen gelang es
Astronomen jetzt aber, das Aussehen des Zentralbereichs zu ermitteln - er ähnelt
in gewisser Weise einer Erdnuss.

So könnte, nach den jüngsten Studien, unsere
Milchstraße von der Seite aussehen: Der zentrale
Bulge erscheint als ein erdnussförmiger,
glühender Ball aus Sternen und die Spiralarme und
ihre zugehörigen Staubwolken bilden ein schmales
Band.
Bild: ESO/NASA/JPL-Caltech/M.
Kornmesser/R. Hurt [Großansicht] |
Der Zentralbereich der Milchstraße, der sogenannte Bulge, gehört mit
zu den wichtigsten und massereichsten Bestandteilen unserer Heimatgalaxie. Diese
gewaltige Ansammlung von rund zehn Milliarden Sternen erstreckt sich über
mehrere Tausend Lichtjahre. Über die genaue Struktur, die Entstehung und die
Entwicklung dieses Bulges wissen Astronomen aber bislang relativ wenig.
Der Grund dafür ist einfach: Während wir bei anderen Galaxien oft einen guten
Blick auf ihre Struktur haben und sie in ihrer Gesamtheit studieren können,
sieht dies im Falle der Milchstraße anders aus: Da wir Teil der Milchstraße
sind, müssen wir uns ihr Aussehen durch mühevolle Messungen der Entfernungen und
der Bewegungen ihrer einzelnen Sterne und Komponenten erst erschließen.
Hinzu kommt, dass uns der Blick auf bestimmte Bereiche unserer Heimatgalaxie
durch dichte Wolken aus Gas und Staub verwehrt ist. Dies trifft insbesondere auf
die rund 27.000 Lichtjahre entfernte Zentralregion der Milchstraße zu. Im
optischen Bereich des Lichts ist hier nur sehr schwer etwas zu erkennen.
Astronomen müssen daher auf andere Wellenlängenbereiche ausweichen, die die
Staubwolken durchdringen können, etwa ins Infrarote.
Bereits frühere Beobachtungen im Infraroten, die im Rahmen der Durchmusterung
2MASS durchgeführt wurden, hatten Hinweise darauf geliefert, dass der Bulge
der Milchstraße nicht etwa eine kugelähnliche Form hat, sondern eher X-förmig
ist. Zwei Teams von Astronomen nutzten nun die Daten von verschiedenen
Teleskopen der europäischen Südsternwarte ESO, um das Aussehen dieser Region
genauer zu untersuchen.
Eine Gruppe vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) in
Garching stützte sich bei ihrer Studie auf Daten, die im Rahmen der
Durchmusterung VISTA Variables in the Via Lactea mithilfe des Teleskops
VISTA auf dem Gipfel des Paranal in Chile gewonnen wurden. Die Daten dieser
Himmelsdurchmusterung stehen im Archiv der ESO allen Wissenschaftlern zur
Verfügung.
Im Vergleich zu früheren Durchmusterungen, die den galaktischen Bulge
umfassten, lassen sich in dieser Durchmusterung 30-mal lichtschwächere Sterne
erkennen. So gelang es den Wissenschaftlern insgesamt 22 Millionen Sterne im
Bulge zu identifizieren, die zu einer bestimmten Klasse von Roten
Riesensternen gehören. Sie dienten den Astronomen als sogenannte Standardkerzen,
also als Objekte, deren Helligkeit man sehr genau kennt. Dies ermöglicht dann
die Berechnung ihrer Entfernung.
"Die Tiefe des VISTA-Sternenkatalogs übertrifft die von früheren Arbeiten bei
Weitem, so dass wir mit Ausnahme der am meisten durch Staub verdeckten Regionen
die gesamte Population dieser Sterne entdecken konnten", erklärt Christopher
Wegg vom MPE. "Von der Verteilung dieser Sterne konnten wir dann eine
dreidimensionale Karte des galaktischen Bulges erstellen. Es ist das
erste Mal, dass dies gemacht wurde, ohne zuvor ein Modell für die Form des
Bulges anzunehmen."
"Wir haben festgestellt, dass die innere Region unserer Galaxie von der
Seite wie eine Erdnuss eingehüllt in ihre Schale aussieht, von oben dagegen wie
ein langgezogener Balken", ergänzt Ortwin Gerhard vom MPE. "Erstmals können wir
dies in unserer Milchstraße so deutlich erkennen. Simulationen unserer
Arbeitsgruppe und anderer Gruppen deuten zudem darauf hin, dass diese Form
charakteristisch für Galaxien mit einer Balkenstruktur ist, die ihre Entwicklung
als reine Scheibe aus Sternen begonnen haben."
Astronomen klassifizieren unsere Milchstraße als sogenannte
Balkenspiralgalaxie. Der Bulge im Zentrum hat - von "oben" betrachtet -
eine balkenähnliche Form. Vom Ende des Balkens gehen dann die Spiralarme aus.
Auf diese Struktur hatten schon Beobachtungen mit dem Infrarot-Weltraumteleskop
Spitzer vor einigen Jahren hingedeutet (astronews.com
berichtete).
Ein zweites internationales Astronomenteam um Sergio Vásquez von der
Pontificia Universidad Católica de Chile und der ESO in Santiago de Chile
hat die Struktur des galaktischen Bulges mit einer anderen Methode
untersucht: Die Astronomen verglichen Aufnahmen der Zentralregion, die in einem
Abstand von elf Jahren mit dem 2,2-Meter-MPG/ESO-Teleskop in La Silla gemacht
wurden und bestimmten daraus, wie weit sich die Bulge-Sterne in dieser
Zeit am Himmel bewegt hatten.
Diese Daten kombinierten die Wissenschaftler dann mit Messungen der Bewegung
dieser Sterne in Richtung der Erde oder von der Erde weg. Auf diese Weise
erhielten sie Informationen über deren Bewegung in drei Dimensionen - und dies
für über 400 Sterne im Zentralbereich der Milchstraße.
"Es ist das erste Mal, dass für eine so große Zahl von Sternen auf beiden
Seiten des Bulges Geschwindigkeiten in drei Dimensionen ermittelt
werden konnten", erläutert Vásquez. "Die Sterne, die wir beobachten haben,
scheinen sich entlang der Arme des X-förmigen Bulges zu bewegen,
während ihre Umlaufbahnen sie auf und ab und aus der Ebene der Milchstraße
heraus führen. Das passt alles sehr gut zu den Vorhersagen aktueller Modelle."
Astronomen gehen heute davon aus, dass die Milchstraße einst lediglich aus
einer Scheibe aus Sternen bestand, in deren Zentrum sich vor vielen Milliarden
Jahren ein flacher Balken ausbildete. Der innere Bereich dieses Balkens hat sich
schließlich gekrümmt, so dass die heute zu beobachtende Struktur entstanden ist.
Die Astronomenteams berichten über ihre Untersuchung in Fachartikeln in der
Zeitschrift Monthly Notices of the Royal Astronomical Society und
Astronomy & Astrophysics.
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