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Eintauchen in die innere Heliosphäre
Redaktion
/ Pressemitteilungen des MPS und der Universität Kiel astronews.com
17. Oktober 2011
Anfang dieses Monats hat die europäische Raumfahrtagentur ESA die
Mission Solar Orbiter als eine der nächsten
ESA-Wissenschaftsmissionen ausgewählt. Die Sonde soll unserem
Zentralgestirn näher kommen als jede andere Sonde zuvor. An deutschen
Instituten freut man sich über die Entscheidung, werden doch zahlreiche
Instrumente unter deutscher Beteiligung gebaut.

In sechs Jahren soll sich die Raumsonde Solar
Orbiter auf den Weg zur Sonne machen. Die Sonde
wird sich dabei näher an unser Zentralgestirn
heranwagen, als je eine Mission zuvor.
Bild: ESA |
Wenn sich die Raumsonde Solar Orbiter 2017 näher an die Sonne
heranwagt als je eine Weltraummission zuvor, werden auch
wissenschaftliche Instrumente des Max-Planck-Instituts für
Sonnensystemforschung (MPS) der Hitze unseres Zentralgestirns trotzen.
Die Europäische Weltraumagentur (ESA) hatte diese einzigartige Mission,
die ursprünglich von MPS-Wissenschaftlern vorgeschlagen wurde, kürzlich
genehmigt - und damit den offiziellen Startschuss für den Bau der
Raumsonde und ihrer Nutzlast gegeben (astronews.com berichtete). Das MPS
ist an insgesamt sechs der zehn Instrumente beteiligt.
Hauptbeitrag des Instituts ist der Magnetograph SO/PHI, der durch die
Atmosphäre des Feuerballs bis auf seine Oberfläche blicken wird. "Solar
Orbiter ist ohne Frage die bisher ambitionierteste Sonnenmission",
sagt Prof. Dr. Sami Solanki, Direktor am MPS und Leiter des
SO/PHI-Teams. Zwar untersuchen derzeit mit SoHO, STEREO,
Hinode und SDO bereits vier wissenschaftliche
Raumsonden unser Zentralgestirn aus dem All. Doch drei von ihnen werden
schon bald ihr Missionsende erreicht haben. Und während die bisherigen
Sonden ganz in der Nähe der Erdbahn um die Sonne kreisen, wird sich
Solar Orbiter dem Feuerball auf bis zu fast ein Viertel des
Abstandes zwischen Erde und Sonne nähern.
"So können wir die innere Heliosphäre nicht nur von außen beobachten,
sondern mit Solar Orbiter direkt in sie eintauchen und das
Plasma und Magnetfeld sowie die Wellen und Teilchen vor Ort messen",
erklärt Prof. Dr. Eckart Marsch vom MPS, der das internationale Team von
Wissenschaftlern koordiniert hat, das die Mission vorgeschlagen hat.
Zudem soll sich die Raumsonde im Verlauf der Mission aus der Ebene der
Erdbahn herausbewegen und so erstmals den Blick auf die Pole der Sonne
freigeben - eine Region, die den vorhergehenden Missionen nicht
zugänglich war.
Ebenso einzigartig wie die Flugbahn von Solar Orbiter sind bei
dieser Mission auch die technischen Herausforderungen. Zum einen ist die
Gravitationskraft der Sonne, die in solcher Nähe wirkt, gewaltig. Um die
gewünschte Flugbahn zu erreichen, muss die Raumsonde deshalb durch
mehrfache Vorbeiflüge an den Planeten Erde und Venus Schwung aufnehmen.
Zum anderen müssen Sonde und Instrumente vor der heißen Strahlung der
Sonne geschützt werden. "Am sonnennächsten Punkt der Flugbahn strahlt
die Sonne mehr als zehnmal so stark wie hier auf der Erde", erklärt
Solanki.
Damit Solar Orbiter dennoch nicht überhitzt, ist die Sonde mit
einem Hitzeschild ausgerüstet, der einen Großteil der Strahlung
abschirmt. Maßgeschneiderte Öffnungen erlauben den wissenschaftlichen
Instrumenten einen Blick durch den Schild zur Sonne. Aufwändige
Spezialfilter, die nur ausgewählte Bereiche des Sonnenlichtes passieren
lassen, schützen zudem die optischen Instrumente. Im Fall des
Magnetographen SO/PHI etwa erreichen nur vier Prozent der
Sonnenstrahlung das Innere des Instrumentes.
Die Wissenschaftler sind aber überzeugt, dass sich der große Aufwand
lohnen wird. Denn viele Fragen der Sonnenphysik, die noch immer
ungeklärt sind, lassen sich nur aus der Nähe beantworten. So gibt der
Sonnenwind - ein Strom geladener Teilchen, den die Sonne ins All
schleudert - Wissenschaftlern noch immer Rätsel auf. Wie wird dieser
erzeugt? Und wie gelingt es der Sonne, diese Materiemassen auf
Geschwindigkeiten von bis zu 800 Kilometern pro Sekunde zu
beschleunigen? "Solar Orbiter wird den Sonnenwind erstmals in
Sonnennähe noch innerhalb der Bahn von Merkur untersuchen können, kurz
nachdem er die Sonne verlassen hat", so Marsch.
Gleichzeitig werden Beobachtungen seiner Quellregionen an der
Sonnenoberfläche mit großer räumlicher und zeitlicher Auflösung möglich
sein. Auf diese Weise lassen sich beide - der Sonnenwind und die ihn
auslösenden Prozesse auf der Sonne - in Beziehung setzen. So können die
Forscher die Verbindungen zwischen der Sonne und ihrem direkten
Einflussbereich, der Heliosphäre, herstellen und genauestens
untersuchen. Um dies zu erreichen, ist die Raumsonde mit ihren zehn
wissenschaftlichen Instrumenten sehr gut ausgerüstet. Zu vier von ihnen
trägt das MPS Komponenten bei, zu zweien sein wissenschaftliches
Knowhow.
Im Zentrum steht dabei der Magnetograph SO/PHI (Solar Orbiter/Polarimetric
and Helioseismic Imager), der das Magnetfeld und die
Teilchengeschwindigkeiten in der so genannten Photosphäre, der
sichtbaren Oberfläche der Sonne, abbilden soll. Wissenschaftler des MPS
sind für Entwicklung, Bau und Betrieb des Instrumentes verantwortlich.
"In der Photosphäre vermuten wir die Ursachen für alle Phänomene, welche
die Sonne weiter außen offenbart, wie etwa Sonnenwind und
Sonneneruptionen", erklärt Solanki.
Das Instrument besteht aus zwei Teleskopen: Während das eine die gesamte
Sonne im Blick hat, erlaubt das andere einen genaueren Blick auf
einzelne Bereiche. Dieses hochauflösende Teleskop entsteht derzeit am
MPS und soll Strukturen von nur 150 Kilometern Größe sichtbar machen.
"Das ist die beste Auflösung der Photosphäre, die jemals vom Weltraum
aus erreicht wurde", so der PHI-Projektmanager Dr. Joachim Woch vom MPS.
Auch das Instrument EUI (Extreme Ultraviolet Imager) versorgen die
Wissenschaftler und Ingenieure aus Katlenburg-Lindau mit einem von drei
Teleskopen. EUI wird vor allem die extrem kurzwellige ultraviolette
Strahlung, die von der Korona der Sonne, also der äußeren
Sonnenatmosphäre, ausgeht, untersuchen. "Dabei wollen wir eine möglichst
rasche Bildabfolge erreichen", erklärt Dr. Udo Schühle, der das EUI-Team
am MPS leitet. "So kann das Instrument sehr schnelle Vorgänge in der
Atmosphäre wie zum Beispiel Eruptionen im Zeitraffer sichtbar machen".
Auch bei zwei weiteren entscheidenden Teilen den Instrumentariums auf
Solar Orbiter, dem Spektrographen SPICE (Spectral Imaging of
the Coronal Environment) und dem Koronographen METIS (Multi Element
Telescope of Imaging and Spectroscopy) steuert das Team vom MPS
wesentliche Komponenten wie einen Teleskopspiegel und eine neuartige
Kamera bei. Die Kosten dieser Vorhaben tragen das Deutsche Zentrum für
Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG)
gemeinschaftlich.
Auch an der Universität Kiel freute man sich über die Entscheidung der
ESA, sind doch die dortigen Wissenschaftler mit vier von fünf Sensoren
für solare Teilchen am Projekt Energetic Particle Detector des
Solar Orbiter beteiligt. Mithilfe des Detektors können
Ausbreitung und Beschleunigung von solaren Teilchen auf fast
Lichtgeschwindigkeit erforscht werden. "Seit mehr als einem Jahrzehnt
bereiten wir die Mission vor. Seit zwei Jahren entwickeln wir auf
Hochtouren diese Instrumente - und die Arbeit hat sich gelohnt! Wir
erwarten beeindruckende Erkenntnisse über die Entstehung von
Sonnenstürmen und grundlegende astrophysikalische Phänomene", freut sich
Professor Robert Wimmer-Schweingruber vom Kieler Institut für
Experimentelle und Angewandte Physik. "Mit dem Zuschlag sind außerdem 13
Vollzeitstellenäquivalente für die kommenden Jahre bis zum Start der
Raumsonde gesichert." Die Kieler Projekte werden vom Deutschen Zentrum
für Luft- und Raumfahrt (DLR) und teilweise auch direkt von der ESA
gefördert.
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