Hallo Aragorn,
die von dir zitierten Merkmale des Tschernobyl-Reaktors (RBMK-Typ) sind, mit einer Ausnahme, keine sicherheitsrelevanten Merkmale sondern ausschliesslich betriebliche Vorteile (i.w. bessere Ausnutzung des Kernbrennstoffs). Das einzige sicherheitsrelevante Merkmal, das erwähnt wurde, ist das Fehlen eines Sicherheitsbehälters (Containments). Allerdings ist es mehr als fraglich, ob ein eventuelles Containment die Auswirkungen des Unfalls wesentlich hätte mildern können.
Bei der Beurteilung des RBMK-Typs in den westlichen Ländern fehlte damals sowohl der Aspekt der inhärenten Sicherheit als auch die Kenntnis der Auslegung des Abschaltsystems.
Inhärente Sicherheit heisst, dass es eine negative Rückkopplung zwischen Reaktorleistung und Reaktivität gibt. Das heisst, dass der Reaktor einem Anstieg der Reaktorleistung entgegenwirkt. Unter den besonderen Bedingungen des Tschernobyl-Unfalls war das nicht der Fall.
Im Westen wusste man auch nichts Genaueres über das Abschaltsystem. Beispielsweise war offenbar unbekannt, dass die Abschaltstäbe, die im oberen Teil neutronenabsorbierendes Borkarbid enthielten, im unteren Teil einen moderierenden Grafit-Teil enthielten. Das führte dazu, dass in den ersten Sekunden der Abschaltung dem Reaktor positive Reaktivität zugeführt wurde (wegen der Verdrängung des Wassers durch Grafit), ein Phänomen, das die Bezeichnung 'positiver Abschalteffekt' erhielt.
Der Grund für die Katastrophe von Tschernobyl waren Fehler der Bedienungsmannschaft des Reaktors in Kombination mit der sicherheitstechnisch ungenügenden Auslegung des Reaktors (s. oben). Ein Reaktor muss so ausgelegt werden, dass Fehler der Bedienungsmannschaft nicht zu schwerwiegenden Folgen führen können.Alle bisherigen Sicherheitsstudien gehen davon aus, daß der Bedienungsmannschaft des Reaktors keinerlei Fehler unterlaufen [sind]!
In Tschernobyl war dies aber der maßgebliche Grund der zur Katastrophe führte.
Deutsche KKW sind vermöge ihrer Auslegung nicht nur sicherer als Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, sondern sie sind auch im Vergleich der westlichen Reaktoren an der Spitze. Diesem Statement tut auch die Pannenserie im KKW Krümmel keinen Abbruch.Und was heißt es wirklich, wenn immer wieder behauptet wird "deutsche Kernkraftwerke sind so viel sicherer"?
Ein Unfalltyp wie in Tschernobyl (prompt-überkritische Leistungsexkursion) war und ist bei den Leichtwasserreaktoren westlicher Bauart ausgeschlossen. Betrachtet wird hingegen der hypothetische Ausfall sämtlicher Kühlung des abgeschalteten Reaktorkerns mit der Konsequenz einer Kernschmelze.Drei Jahre nach Tschernobyl hat einer der Hauptbefürworter der Atomenergie, Prof. Birkhofer, die „deutsche Risikostudie Kernkraftwerke“ vorgestellt. Nach seinen Angaben läuft die Katastrophe in einem deutschen AKW anders ab. Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze mit Beschädigung des Containments wird zwar als geringer anzusehen. Wenn sie eintritt, sei aber ein weit schlimmeres Ausmaß als in Tschernobyl zu erwarten, da in unseren Reaktoren größere Mengen an radioaktiven Spaltprodukten enthalten sind. Prof. Birkhofer geht von bis zu 14.000 Soforttote, und ca. Hunderttausend Langzeittoten aus. Das hängt mit der größeren Menge an freigesetzter Radioaktivität und einer etwa zehnmal dichteren Besiedlung Deutschlands im Vergleich zur Ukraine und Weißrussland zusammen.
Die letzte Barriere gegen den Austritt radioaktiver Stoffe in die Kraftwerksumgebung, das Containment, wird dadurch aufrechterhalten, dass ein katastrophales Überdruckversagen des Containmenmts durch gefilterte Druckentlastung verhindert wird.
Gruss
hardy



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